Ein Jahr explizit – Eine Aufbruchserfahrung (25.05.2012)

Geburtstagsfeiern von Einjährigen haben ganz herausragende Vorteile gegenüber großen Jubiläen: Es gibt noch nicht viel zu loben. Die vorherrschenden Geisteshaltungen sind die Hoffnung auf das, was werden könnte und die Freude über das, was schon ist. Sowohl Lobhudeleien wie Tadel versickern im Irgendwo. Dafür gibt es auf jeden Fall viel zu schauen und noch mehr zu lernen.

Vor einem Jahr, am 24. Mai 2011, ging das katholische Portal „explizit.net“ online. Diesem Startschuß war ein halbes Jahr des Überlegens und Planens vorangegangen. Einig waren sich die Initiatoren, der Verlag Aschendorff/Münster  und kath.de in einem Punkt schnell: Es besteht Bedarf. Es braucht ein inhaltlich ausgewogenes Portal, das die interaktiven Möglichkeiten des Internets nutzt. Doch nicht nur. Die Beschaffung von Informationen und deren Hintergründe ist ein Geschäft mit hohem Aufwand an Zeit und Kenntnis. Web-Journalisten brauchen eine Berufsperspektive. Doch woher kommt das Geld? Webjournalismus kann sich nicht von äußerem Druck frei halten und eine hohe Professionalität bewahren, wenn er dauerhaft auf Zuwendungen angewiesen ist, die anderswo erwirtschaftet und im Internet verheizt werden. Geschaffen werden wollte ein Portal, das aus freier Wahl katholisch ist, nicht um sich die Zuwendungen der geldgebenden Institutionen zu sichern. Dabei sollte es professionell betrieben werden, wie in der Pastoralinstruktion „communio et progressio“ beschrieben ist:

„Jede Kommunikation muß unter dem obersten Gesetz der Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit stehen. Reine Absicht und guter Wille allein genügen nicht, um eine Kommunikation schon als positiv zu bewerten. Sie muß darüber hinaus die Dinge sachlich richtig darstellen, d. h. ein zutreffendes Bild des Zusammenhangs vermitteln und in sich glaubwürdig sein. Nicht allein das Thema oder die vertretene Meinung bestimmen den sittlichen Wert einer Kommunikation, sondern auch der Geist, aus dem heraus sie geschieht, die Art und Weise, mit der sie anspricht und Einfluß zu nehmen sucht, ihre Begleitumstände und schließlich das Publikum, an das sie sich wendet.“ CP 17

Nicht das Thema und sein Wahrheitsanspruch allein machen katholischen Journalismus aus, auch die Nähe zum Menschen. Wie geht also ein katholisches Portal mit menschlichen Themen um, mit Zweifeln an Glaube und Kirche? Mit dem Gefühl der Menschen, unverstanden zu sein und überhört zu werden? Mit den Sünden der Kirchenmitglieder, der amtlichen wie der allgemeinen? Erhellend auch hier der Blick in „communio et progressio“, wo Papst Pius XII. zitiert wird. Er sagte über das menschliche Leben: “Sicherlich könnte man das Leben nicht verstehen, wenigstens nicht in den großen, schweren Konflikten, wollte man die Augen verschließen vor der Schuld, die diese Konflikte oft verursacht (…). Nun, kann ein solcher Stoff nicht doch als Vorlage für den Idealen Film dienen? Die größten Dichter und Schriftsteller aller Zeiten und aller Völker haben sich mit diesem schwierigen und heiklen Problem befaßt und werden es auch in der Zukunft tun (…). Wenn der Konflikt mit dem Bösen und auch dessen zeitweiliger Sieg, im Zusammenhang mit dem ganzen Filmstoff, zu einem tieferen Verständnis des Lebens, zu seiner richtigen Führung, zur Kontrolle des Verhaltens, zur Klärung und Festigung des Urteils und der Handlungsweise der Menschen dient, dann kann ein derartiger Stoff gewählt werden, und es ist zulässig, ihn mit der Gesamthandlung des Films zu verflechten. Man hat dabei denselben Prinzipien zu folgen (…) wie bei jedem Werk der Literatur.“

Diese Kombination „unabhängiges Finanzierungsmodell“, ein weiter katholischer Geist und hohe journalistische Professionalität konnte nirgends kopiert werden. Was man schaffen wollte, gab es noch nicht. Die privaten Informationsangebote katholischer Etikette im Internet lassen zu wünschen übrig oder bedienen ausschließlich ideologische Nischen. Kreuz.net, katholisch dem Anspruch nach, entzieht sich der deutschen Rechtsprechung. Ein Webserver, zuerst in den USA und mehrfach verlegt, ermöglicht es, dass die Betreiber anonym bleiben können und in vulgärem und diffamierendem Stil das religiös angehauchte rechts-außen-Spektrum bedienen. So geht katholisch nicht. Wer etwas zu sagen hat, kann mit seinem Namen dafür einstehen. Ein Blick auf Stil und Inhalt des Portals erklärt schnell, weshalb man sich nicht mit Namen zur Sache bekennt.

Weitere kirchliche Webauftritte offenbaren enge Vorstellungen, wie kirchliche Kommunikation zu funktionieren habe: entweder autoritär oder eben anti-autoritär. Die von „communio et progressio“ geforderte Achtsamkeit sowohl auf das Thema als auch auf den Geist und die Freiheit zur Präsentation menschlicher Perspektiven, die mit katholischen Positionen abgeglichen werden müssen, sucht man vergeblich. Es dominieren Hofberichterstattung und eine krankhafte Neigung, Meinungsgegner schnell zu exkommunizieren.

Mit diesen Ideen ausgestattet, wurde das Kind ins Leben geschickt – mit allen ungelenken Schritten und Überraschungen, die einem echten Aufbruch eben eigen sind. Gegen den Strom. Die Meinung, Information im Internet müssen kostenfrei sein, ist Bestandteil des Internetcredo. Es zeigt sich als scharfer Gegenwind gegen die Abonnenten, die explizit.net auf eine finanzielle Basis stellen sollen. Die Abonnenten kommen, aber zögerlich. Dafür kommen andere, die ihr „Schnupperabo“ durch Manipulation verlängern wollen. Vom selben Rechner melden sie sich mit unterschiedlichen Mailadressen an, um so jeweils noch weitere Wochen Freiabo herauszuschinden. Sind es Studenten, die etwas recherchieren? Ihnen sei es gegönnt. Sind es Redakteure von kreuz.net oder anderen kathopolizistischen Initiativen, die explizit.net die Abogebühr nicht gönnen?

Wer hätte gedacht, dass auch explizit.net durch innerkirchliche Themen die höchsten Zugriffszahlen generiert, wie beispielsweise durch die Auseinandersetzungen mit den Piusbrüdern oder die päpstlich angeordnete Änderung der Wandlungsworte? Es erscheint schwer, die Aufmerksamkeit auf jene Themen zu lenken, die für die abendländische Kirche wirklich wichtig erscheinen: Wie geschieht die Glaubensweitergabe, dass sie an den lebenswichtigen Themen der Menschen anknüpft? Und: Wie gelingt das friedliche Miteinander von Religionen und Kulturen? explizit.net wollte sich weniger in innerkirchlichen Querelen verlieren, als die Relevanz von Glaube und Kirche in die Gesellschaft hinein zu vermitteln. Hier stehen noch Lernschritte an.

Auch in Punkto Informationsangebot muß explizit.net noch lernen. Dass auch Christen konsequent nur solche Informationen schätzen, die ihre Lebensqualität spürbar verbessern, ist ein weiteres Lehrstück aus dem ersten Jahr. Nur was die Gesundheit, das Wohlbefinden, den Kontostand, den Urlaub usw. verbessert, wird wirklich geschätzt. Darüber hinaus besteht lediglich an den ideologischen Rändern die Bereitschaft, für Informationen etwas tiefer und breiter in die Tasche zu greifen.

Nach dem ersten Jahr sind weder Freude, noch Ideen, noch die Reserven, noch die Lernbereitschaft aufgebraucht.  Gestärkt aber ist die Einsicht und der Wille, noch „expliziter“ um Freunde und Abonnenten zu werben, noch „expliziter“ katholisch, menschlich und unabhängig zugleich sein zu wollen – und auch zu können.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

„Katholische Mitte“ oder neuer Aufbruch? (18.05.2012)

Der Katholikentag in Mannheim und die Frage nach dem katholisch-Sein in einem säkularen Umfeld

„Katholikentage sind nicht mehr das, was sie mal waren.“ Mit diesem Statement hat der Kölner Kardinal Joachim Meisner am vergangenen Mittwoch, pünktlich zum Auftakt des Katholikentages in Mannheim, von sich Reden gemacht. Im gleichen Atemzug hat er bemängelt, dass der Veranstaltung „die katholische Mitte“ fehle, „bei der man die Verbundenheit und Einheit von Papst, Bischof, Priestern und dem Volk Gottes spürt“. Meisner selbst besucht den Katholikentag in Mannheim nicht.

Grundlegende Neuorientierung

„Wie gelingt es uns, in einer säkularen Gesellschaft glaubwürdig Zeugen von Christi Botschaft zu sein – jeder einzeln wie auch in der Gemeinschaft der Kirche?“, lautet die Frage, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, in ihrem Willkommensschreiben an die Besucher des Katholikentages richten. „Auch in unserer Kirche spüren wir, dass wir vor grundlegenden Neuorientierungen stehen“, heißt es im Text. Und: „Noch nie waren so viele Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung.“

Aufbruch – wohin?

Dass die Gastgeber mit dieser Analyse am Puls der Zeit liegen, belegen die 33 000 Dauerteilnehmer in Mannheim, die gemeinsam „Einen neuen Aufbruch wagen“ wollen. Daraus spricht auch eine ganz andere Dynamik: Wenn Meisner die „katholische Mitte“ vermisst und damit den Eindruck des „lieber unter sich bleiben Wollens“ erweckt, wird der Katholikentag von der Mehrheit seiner Besucher wohl nicht als Ereignis verstanden, das zuerst der eigenen katholischen Selbstbestätigung dient.  Vielmehr stellt er die Frage, wohin das eigene Glaubenszeugnis ausstrahlen, wo es in der Gesellschaft, so wie diese beschaffen ist, ganz konkret fruchtbar werden kann.

Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler

Das machen auch die Programmpunkte auf dem Katholikentag sichtbar. Der Frage zum Beispiel, wie Glaube und Vernunft eigentlich zusammen passen, stellen sich einige  interdisziplinäre Podien. Die profane Wissenschaft tritt nicht als Konkurrentin der Theologie in Erscheinung, sondern wird auch als Chance für den Glauben begriffen.

Nach Anknüpfungspunkten für religiöse Kommunikation im Tourismus sucht etwa eine Veranstaltung, die Kirchen- und Klosterbesuchen als beliebten Urlaubsaktivitäten nachspürt. Zumal Klöster und Kirchen erfahrungsgemäß eher als Sehenswürdigkeiten denn als Orte lebendigen Glaubens in Erinnerung bleiben.

Und zu missionarischen Projekten in säkularer Gesellschaft ganz generell tauschen die Teilnehmer unter dem Veranstaltungstitel „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ ihre Gedanken aus. Und vielleicht ist darin ja auch schon das Motto enthalten, unter dem die Katholikentagbesucher die Kritik von Kardinal Meisner getrost an sich abprallen lassen können?

„Wenn katholisch draufsteht, muss der Inhalt entsprechend sein“

Zugleich warnt der Kölner Erzbischof vor einem Profilverlust der Kirche und vor „bloßen Strukturdebatten“, wie er sagt. „Im Haus muss drin stecken, was über der Tür steht. Wenn katholisch draufsteht, muss der Inhalt entsprechend sein.“ Das ist richtig. Die Grundlage dafür, sich den Fragen unserer Zeit als Katholiken zu stellen, ist ein reflektiertes Selbstbewusstsein aus unseren Glaubensüberzeugungen heraus.

Doch bei „bloßen Strukturdebatten“ will auf dem Katholikentag die Mehrheit schließlich nicht Halt machen. Ja, es gibt Gräben zwischen jenen, die auf Reformen drängen, auf der einen, und denjenigen, die kirchliche Traditionen verfestigen wollen, auf der anderen Seite. Was aber unter den Teilnehmern vor allem spürbar ist, ist die Fokussierung auf aktuelle gesellschaftspolitische, soziale und kulturelle Fragestellungen – und das Bemühen um eine Beantwortung ebendieser als bekennende Christen.

Keine Veranstaltung von Katholiken für Katholiken

Auch aus der Politik kommt der Appell, diesen Fragen aus den eigenen Glaubensüberzeugungen heraus nachzugehen. Und die politischen Gäste, die selbst nach Mannheim kommen, haben die entsprechenden Anliegen gleich mit  im Gepäck. Angela Merkel beispielsweise nimmt an einem Podium zum demografischen Wandel teil und möchte mit den Besuchern über die Chancen und Risiken einer immer älter werdenden Gesellschaft diskutieren.

Der Katholikentag ist längst keine Veranstaltung von Katholiken für Katholiken mehr. Seine Themen sind eingebettet in die Herausforderungen unserer säkularen Gesellschaft. Es geht um den breiten Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Und um die Erörterung möglicher Umgangsweisen. Genau dazu ist jeder Teilnehmer einzeln, wie auch in der Gemeinschaft der Kirche aufgefordert, wie es im Willkommensschreiben ausdrücklich heißt.

Vielfalt –  aber keine Verwirrung

Die Diskussionen auf dem Katholikentag bringen die unterschiedlichen Meinungen, die im pluralen Gefüge katholische Kirche bestehen, im besten Fall an einen Tisch. Auf bestehende Unterschiede, liegen diese nun in Strukturfragen oder anderswo, wollen sich die Katholikentagsteilnehmer nicht reduzieren lassen. Von verschiedenen Akzentuierungen kann die Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit nur profitieren. Gleiches gilt für die Ausweitung auf andere konfessionelle und religiöse Gruppen als Gesprächspartner. Sich kopfscheu machen zu lassen, gilt hier nicht. Gerade in der offenen Suche liegt das Potential des Katholikentags.

Von der Strahlkraft des Katholikentags ist mindestens auch der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki überzeugt. Seines Zeichens Meisner-Zögling, ist er Teilnehmer in Mannheim – und hat beim Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt mit 17 000 Gläubigen vor dem Mannheimer Schloss spontan neben Erzbischof Zollitsch konzelebriert.

Was er seinem geistigen Ziehvater wohl entgegnen würde? Er müsste ihn doch wohl fragen, wie bei der Vielfalt auf dem Katholikentag trotz geballter bischöflicher Präsenz die katholische Mitte fehlen könne? Was ist diese katholische Mitte und wer vermittelt sie, wenn nicht die Bischöfe? Unvermittelbar bleibt sie dann wohl so lange, wie sich Meisner mit seinem Wegbleiben selbst ins Abseits stellt.

Veronica Pohl, kath.de – Redaktion

Streit um die Wandlungsworte (11.05.2012)

Die Medien lösen das Problem nicht

Wer soll es denn nun richten? Wer erklärt die Kehrtwende von „allen“ zu den „vielen“? Wer lässt denn nun die Fragen der feiernden Katholiken an sein Ohr? Vor 4 Wochen hat Papst Benedikt einen Brief zur Neuübersetzung der Worte, die der Priester über den Kelch spricht, an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben. Am 24. 4.  wurde der Brief über Radio Vatikan veröffentlicht. Seitdem gärt es, vor allem, aber nicht nur, unter den Priestern. Dabei ist die Sachlage eindeutig. Der Papst erhält auch Zustimmung von evangelischen Bibelwissenschaftlern. Man könnte auch von einer Öffentlichkeit, die penibel auf jedes falsche Zitat in einer Doktorarbeit mit Rücktrittsforderungen reagiert, erwarten, dass sie dem Papst Recht gibt, wenn er auf die genauere Übersetzung Wert legt. Es steht sowohl in den biblischen Texten wie im lateinischen Messbuch nicht „Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird“, sondern „für viele vergossen wird.“ Woher kommen der Ärger und das Murren?

Der Brief des Papstes wird von vielen Katholiken als ungebührlicher Eingriff Roms gesehen. Die meisten haben wohl den Vorspann des Briefes nicht so genau zur Kenntnis genommen. Der Brief ist auf ausdrücklichen Wunsch des Vorsitzenden der Bischofskonferenz geschrieben worden. Es heißt in dem Schreiben des Papstes: „Bei Ihrem Besuch am 15. März 2012 haben Sie mich wissen lassen, dass bezüglich der Übersetzung der Worte „pro multis“ in den Kanongebeten der heiligen Messe nach wie vor keine Einigkeit unter den Bischöfen des deutschen Sprachraums besteht. Es droht anscheinend die Gefahr, dass bei der bald zu erwartenden Veröffentlichung der neuen Ausgabe des „Gotteslobs“ einige Teile des deutschen Sprachraums bei der Übersetzung „für alle“ bleiben wollen, auch wenn die Deutsche Bischofskonferenz sich einig wäre, „für viele“ zu schreiben, wie es vom Heiligen Stuhl gewünscht wird.“

Wenn der Papst auf Wunsch des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz einen klärenden Brief schreibt, müsste doch erst einmal Erleichterung die Reaktion sein, dass die Deutsche Kirche einen Streitpunkt weniger hat.

Allerdings geht es um die Umsetzung einer Anweisung des Vatikans, bei Neuausgaben des Messbuchs näher am Text zu übersetzen. Die Instruktion liegt bereits 5 Jahre zurück. Auch damals gab es Diskussionen. Worin liegen sie begründet? Auf drei Punkte soll eingegangen werden.

  1. In der Übersetzung „für alle“ sahen viele eine Umsetzung der Grundlinie des Konzils, dass sich die katholische Kirche für alle öffnet.
  2. Rom selbst hatte die Übersetzung abgesegnet, die sich auch in den Messtexten für Italien, Spanien und für den englischsprachigen Raum mit gleichem Wortlaut fand.
  3. Die deutschen Bischöfe haben bisher nichts getan, um die Kirchgänger auf die Veränderung vorzubereiten.

1. Der Geist des Konzils

Zur Zeit des II. Vatikanischen Konzil befand sich die katholische Kirche in den westlichen Ländern in einer sehr komfortablen Position. Im 19. Jahrhundert war sie durch den Liberalismus und den Nationalismus bedrängt, aber zur Zeit des Konzils war sie eine anerkannte Institution. Die Bundesrepublik war seit 1803 der erste deutsche Staat, in dem sich die Katholiken gleichberechtigt fühlen konnten. Auch wenn gerade Deutschland Pius XII. kritisierte, weil er nicht entschieden genug gegen den Holocaust vorgegangen war (ganz anders als die Deutschen selbst, die, so wirkt die Kritik, alles Erdenkliche getan haben, um die Verfolgung der Juden zu verhindern), gewann die katholische Soziallehre in der Bundesrepublik prägende Kraft. Das Konzil (1962-65) wurde so aufgefasst, dass die katholische Kirche hinter den Mauern hervorgekommen war, hinter denen sie sich gegen viele Feinde verschanzt hatte und dabei steril geworden war. Eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland gab es in Holland, wo die Kirche ebenfalls auf die damals noch mehrheitlich protestantische Gesellschaft zuging. Wenn jetzt im zentralen Gebet der Messe nicht mehr nur von „Vielen“, sondern von „Allen“ gesprochen wird, dann verstand man das als eine Öffnung des Erlösungsgedankens. War die Einstellung der katholischen Kirche vorher noch so akzentuiert, dass eigentlich nur den Mitgliedern der katholischen Kirche der Himmel offen steht, die anderen jedoch nicht auf direktem Weg dorthin gelangen können, drückt für die Katholiken, die innerlich mit dem Konzil mitgegangen waren, das „Alle“ die neue Offenheit der katholischen Kirche aus. Die Botschaft ist: Die Erlösung gilt allen Menschen. Mit den Piusbrüdern wird gerade durchdekliniert, ob diese Kirchenvorstellung einen zu großen Bruch mit der Tradition darstellt. Die Veränderung in den Wandlungsworten stößt sich mit dieser emotionalen Erinnerung. Aber wenn nun der Papst in seinem Brief aufzeigt, dass mit den Vielen trotzdem „Alle“ gemeint sind und die Lehre des Konzils nicht verändert wird, dann dürfte der Widerstand doch nicht zu groß werden. Hier ergeben sich zwei weitere Probleme. Einmal empfindet man die Forderung des Vatikans als ungebührlich, zum anderen erscheint es schwierig, die Bedeutung der wortgetreueren Übersetzung zu erklären.

2. Sind die Deutschen schuld?

Die Anweisung der römischen Liturgiekongregation, bei der Neuübersetzung sich enger an den Wortlaut zu halten, kommt in Deutschland bei nicht wenigen Katholiken so an, als habe man hier seit Jahren falsch gebetet. Nun haben nicht nur die Deutschen, das lateinische multi=viele mit „alle“ übersetzt, Rom hat diese Übersetzung gebilligt. Vor allem die heute im Dienst stehenden Priester fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie haben sich doch bisher an das offizielle, von Rom ausdrücklich genehmigte Messbuch gehalten. Und sie sind nicht informiert, wie sie die Korrektur erklären sollen. Hier liegt nun nicht nur bei den Bischöfen seit 2007 der Auftrag, den Messtext zu korrigieren. Aber sie schweigen immer noch.

3. Bad request: Hilfen für Predigt und theologische Weiterbildung

Wer auf die Webseite der Deutschen Bischofskonferenz klickt, findet nur den Brief des Papstes.  Was die Deutsche Bischofskonferenz tun wird, was die Priester mit ihren Gemeinden besprechen sollen, was an katechetischen Hilfen und Predigtvorlagen u.ä. angeboten wird, sucht man vergeblich. Erstaunlich ist auch das Schweigen des Vorsitzenden der Liturgiekommission, des Kölner Kardinals Meisner. Immerhin seit 5 Jahren weiß er mit den anderen Mitgliedern der Kommission, dass eine Änderung in einem zentralen Text der Messe erklärt werden muss. Eigentlich hätte nach dem Eingang des Briefes des Papstes jeder Priester in Deutschland mit instruktiven Unterlagen versorgt werden müssen, zumal die Bitte des Vorsitzenden der Bischofskonferenz nach einem klärenden Wort des Papstes bereits Mitte März ausgesprochen wurde. Auf katholisch.de kommt bei „für viele“ oder „Wandlungsworte“ nur „bad request“. Auch der Bischöfe eigener Hausverlag, die Weltbildgruppe, bietet keine Arbeitshilfe an.

Es ergibt sich sogar eine Frage für den Zelebranten: Kann er jetzt schon die Wandlungsworte so sprechen, wie der Papst es wünscht oder ist er, was ihm das Kirchenrecht vorschreibt, an die Version gebunden, die das „für alle“ im Wortlaut vorschreibt? Nach 4 Wochen, seitdem der Brief des Papstes eingegangen ist, könnten vor allem die Priester wie aber auch die vielen Liturgieausschüsse in den Gemeinden eine Reaktion erwarten. Die liturgische Kommission scheint das Thema den Medien zu überlassen. Da ist es aber nicht gut aufgehoben.

4. Die Medien lösen das Problem nicht für die Deutsche Bischofskonferenz, sie verschärfen es eher

Wer schweigt, überlässt anderen das Wort. Offensichtlich haben die Bischöfe auch auf das Schreiben aus Rom, das das Datum vom 14.4. trägt, nicht reagiert. Oder wie soll man sich erklären, dass der Brief 10 Tage später vom Vatikan selbst veröffentlicht wurde. Die Bischöfe in Schockstarre und der Vorsitzende der Liturgiekommission sprachlos? Irgendeine Reaktion würden sich die Katholiken doch wünschen, denn die Veröffentlichung eines solchen Briefes ist ein starkes Signal. Die Medien nehmen das Signal aus Rom als Konfliktansage wahr. Das liegt einfach daran, dass die Medien mit Interesse rechnen können, wenn sie ein Thema als Konflikt stilisieren. Natürlich werden auch die Motive des Papstes kritisch unter die Lupe genommen, denn das Schweigen der Bischöfe deutet ja darauf hin, dass sie nicht einverstanden sind. Erst wenn sie zu erkennen geben, wie sie mit dem von ihnen selbst erbetenen Brief aus Rom umgehen, gerät der Papst aus dem Zentrum einer kritischen Medienbeobachtung. Auf jeden Fall kann man, wenn es um die schlechte Stimmung unter den Katholiken geht, mal wieder den Medien die Schuld zuschieben. Und natürlich sind sie der Motor der Papstkritik.   Begräbt man das Problem weiter unter Schweigen, wird es sich nur verschärfen. Deutlich ist: Die deutsche Kirche hat aus den Kommunikationsfehlern der Missbrauchsdebatte noch nicht gelernt.

Noch eine Lehre sollten sowohl die Verantwortlichen im Vatikan wie die Bischofskonferenzen ziehen: Ein Trend der Bibelauslegung sollte nicht die Übersetzung der Messtexte bestimmen. Da solche Theorien ein Verfallsdatum von etwa 30 Jahren haben, müsste man für jede Generation die Messtexte neu übersetzen. Dann hätten die Piusbrüder tatsächlich Recht: An den zentralen Texten darf nichts geändert werden, sonst wird der Ritus beliebig.

Eckhard Bieger S.J., kath.de-Redaktion

Brief des Papstes: http://www.radiovaticana.org/ted/articolo.asp?c=582515