Der Auferstehungsleib (07.04.2012)

Wie kann man sich die himmlische Existenz unseres Körpers vorstellen?

Ostern beinhaltet das Versprechen, dass wir als ganzer Mensch, mit Leib und Seele, einmal wie Jesus in eine himmlische Existenz versetzt werden. Wie kann man sich das vorstellen? Was wird aus unserem Körper, wenn wir sterben? Von den Griechen haben wir die Vorstellung, dass der Körper hier zurück bleibt und die Seele in den Himmel aufsteigt. Am Ende der Zeiten wird dann das, was von unserem Leib übrig geblieben ist, mit der Seele wieder vereint. Das „Übriggebliebene“, die Reliquien von Heiligen, genießen daher große Verehrung. Sie warten darauf, mit der himmlischen Existenz der Seele wieder zusammenzukommen. Diese Vorstellung bewegt sich noch in dem alten Weltbild, in dem auch die biblischen Schriften entstanden sind. Oben ist der Himmel, unten die Erde. Oben ist das Unvergängliche, unten das Vergängliche. Das  Materielle ist daher von geringerem Wert.

Aber gerade dieses Materielle ist im Christentum Medium der Erlösung. Der Sohn Gottes ist Fleisch geworden und hat unter körperlichen Qualen die Folgen der Sünde getragen. Dieser Leib, an dem die fünf Wunden sichtbar bleiben, ist der Inhalt des Osterglaubens. Er ist „auferstanden von den Toten“. Was das wirklich bedeutet, können wir uns nur in analogen Bildern vorstellen. Dabei sind wir zuerst an unsere Vorstellung von Raum und Zeit gebunden, mit der wir unsere Wahrnehmungen einordnen. Schon Immanuel Kant hat darauf hingewiesen, dass Raum und Zeit nur Schemata sind, die wir auf die Welt projizieren.  Nehmen wir die Erkenntnisse der Physik auf, dann können wir unsere Vorstellung etwas ausweiten und größer von der Auferstehung denken.

Raum und Zeit sind eine Einheit
Bleiben wir in unseren Vorstellungsschemata von Raum und Zeit verhaftet, dann haben beide nur wenig miteinander zu tun. Wir denken uns die Ewigkeit dann etwa so, dass die Zeit einfach weiterläuft, ohne dass sie durch das Materielle beschwert wird. Von dieser Vorstellung können wir uns frei machen. Denn die Zeit, die wir erleben und auch messen können, gibt es nur solange, wie unser Weltall existiert. Das läuft aber auf ein Ende zu. Das wird zwar noch Milliarden Jahre dauern, aber dann wird es auch keine Zeit mehr geben. Außerhalb des Weltalls gibt es unsere Zeit nicht. So wie die Zeit für einen Menschen, der gestorben ist, nicht mehr weiter läuft, so wird es auch diese, unsere Zeit nicht mehr geben, wenn das Weltall an sein Ende gekommen ist. Wer also außerhalb unseres Weltalls ist, unterliegt nicht mehr dem Fluss der Zeit, wie wir ihn erleben. Aber wie existiert man außerhalb des Weltalls? Anders auf jeden Fall.

Der Himmel ist anders
Zur Zeit Jesu wollten die Menschen sich natürlich den Himmel vorstellen, wahrscheinlich war der Wunsch damals dringlicher. Die Vorstellung, es ginge einfach so weiter wie hier auf der Erde, hat Jesus zurückgewiesen. Anders als der Koran, der den Kämpfern im Himmel als Belohnung sexuelle Freuden verspricht, erklärt Jesus lapidar: „Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel.“ (Matthäus Kap. 22,30)
Entsprechend dem heutigen Weltbild können wir sagen, dass die Verstorbenen der hiesigen Zeit entrückt sind. Sie leben anders. Das heißt dann wohl auch, dass sie nicht mehr Wünsche entwickeln, die die Zukunft erfüllen soll. Denn eine Zeit mit Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit gibt es dann nicht mehr. Dann wird das, was viele Aszeten und vor allem die asiatische Spiritualität erhofft, eintreten: Der Mensch ist von seinen Begierden befreit. Das Fasten ist ja nicht nur herber Verzicht, sondern auch Vorwegnahme des Gefühls, von Begierden frei geworden zu sein. Was ist aber dann mit unserem Leib, wenn er nicht mehr von Begierden vorangetrieben wird?

Wir nehmen das Weltall mit
Wenn der Sohn Gottes Fleisch angenommen hat, dann beinhaltet das bereits nach Überzeugung der ersten Christengeneration eine hohe Wertschätzung des Kosmos. Anders als für die Gnosis und für einen Grundzug der asiatischen Spiritualität ist das Materielle nicht verachtenswert. Nicht das Materielle ist schlecht, sondern die Sünde kommt ursprünglich aus dem Geist. Sie hat dann nur die Körperlichkeit des Menschen verdorben. Auch wenn das Weltall einmal an sein Ende kommen wird, es bleibt etwas. Erster Ankerpunkt für diese christliche Vorstellung sind die Begegnungen der Frauen und der Jünger mit dem Auferstandenen. Sie erkennen ihn in seiner Leiblichkeit. Paulus  gibt die Auffassung der ersten christlichen Generation wieder:

„Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? Was für eine törichte Frage! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, hat noch nicht die Gestalt, die entstehen wird; es ist nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel ein Weizenkorn oder ein anderes. …. So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Was gesät wird, ist schwach, was auferweckt wird, ist stark. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen. Denn dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. … Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.“ (Aus Kap. 15 des 1. Korintherbriefes)

Wenn wir an unseren angeborenen Vorstellungsschemata von Raum und Zeit haften bleiben, scheint die Auferstehung des Leibes widersinnig. Die Physik und Astronomie haben unsere Vorstellungen sehr erweitert. Warum sollen sie, nachdem sie ja die letzten Jahrhunderte jeweils als Argument gegen den Glauben herhalten mussten, nicht einmal auch zu enge Vorstellungen weiten, damit wir leichter glauben können. Wir können deutlicher sehen, dass, wer gestorben ist, nicht mehr der Zeit dieses Kosmos unterliegt. Er ist mit „Unvergänglichkeit bekleidet“.

Eckhard Bieger S.J., kath.de-Redaktion

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