Was ist mit den Römern nur los? (09.03.2012)

Über vatikanische Machtspiele

Von vereinten vatikanischen Kräften scheint gegenwärtig nicht die Rede sein zu können. Dieser Eindruck entsteht durch vatikaninterne Querelen, die seit Wochen die Medien beschäftigen. Ausgelöst wurden sie durch die Briefe des gegenwärtigen päpstlichen Botschafters in den USA, Carlo Maria Viganò, der sich nun zu diesem Thema in diplomatisches Schweigen hüllt. Die Dokumente sickern über undichte Stellen aus dem vatikanischen Staatsekretariat, dem Kardinal Tarcisio Bertone vorsteht. Ihr sind die zentralen Regierungsgeschäfte des Vatikans eingegliedert: Das Governorat für die internen Belange des Vatikanstaates, die Abteilung für die allgemeinen Angelegenheiten und das Außenministerium des Vatikans, das auch für die Betreuung der vatikanischen Botschaften in der Welt zuständig ist.

Die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten reißt nicht ab. Bei einem zweiten Schub kamen Dokumente ans Tageslicht, die das IOR, das Institut für die religiösen Werke, allgemein bekannt als Vatikanbank oder Tresor des Vatikans, betrafen. Der Eindruck, den diese Dokumente erzeugten, war, das IOR versuche, sich den vatikanischen Normen für absolute Transparenz der Geldflüsse zu widersetzen.

Schließlich gelangte eine Präsentation von Kardinal Darío Castrillón Hoyos an die Öffentlichkeit, in der dieser auf ein anonymes Memorandum verweist, verfasst in deutscher Sprache. Dort wird Kardinal Paolo Romeo, der Bischof von Palermo, zitiert mit den Worten, der gegenwärtige Papst habe nur noch 12 Monate zu leben.

Damit nicht genug. Es gelangte ein weiteres Dokument an die Öffentlichkeit, in dem Kardinal Dionigi Tettamanzi, der emeritierte Erzbischof von Mailand, beim Papst vor etwa einem Jahr nachfragte, ob es wirklich sein Wille sei, dass er die Präsidentschaft des Institutes „Giuseppe Toniolo“ aufgebe, wie es Kardinal Bertone ihm angeordnet habe. Das Mailänder Institut ist der Träger angesehener Universitäten und der Gemelli-Klink in Rom. Es verfügt über staatliche Gelder, steht aber ganz in Trägerschaft der Kirche und bildet einen wichtigen Knotenpunkt zwischen Staat und Kirche in Italien. Kardinal Tettamanzi ist bis heute Präsident dieses Institutes.

Im Zentrum all dieser Angriffe steht die Person des Kardinalstaatsekretärs, Tarcisio Bertone, und sein Führungsstil. Er ist zweifelsohne ein Mann des Vertrauens von Papst Benedikt. Vor zwei Jahren brachte der Papst dies zum Ausdruck indem er über Kardinal Bertone schreibt: „Ich habe immer seinen Sinn für den Glauben bewundert, seine Kenntnis der Lehre und des Kirchenrechts und seine „Humanitas“, die uns sehr geholfen hat, in der Glaubenskongregation ein Klima authentischer Familiarität zu leben, verbunden mit einer entschiedenen und bestimmten Arbeitsdisziplin.“ Es passt durchaus in die Line von Josef Ratzinger, nicht einen eingefleischten Vatikandiplomaten zu seinem ersten Mann in der Kurie zu machen, sondern einen, der an seiner Seite „groß geworden“ ist. Tarcisio Bertone war schon in der Glaubenskongregation Sekretär während der Präsidentschaft Ratzingers. Der Salesianer hat eine durchaus volksnahe Seite, die sich auch in seiner Fußballbegeisterung äußert. Gleichzeitig darf man die „entschiedene Arbeitsdisziplin“ wohl so verstehen, dass er durchaus auch der „Mann für´s Grobe“ an der Seite des im Denken zwar scharfen, im Herzensgrunde aber sensiblen und gutmütigen Josef Ratzinger war und ist.

Alle Dokumente, die auf bislang ungeklärtem Weg an die Öffentlichkeit gelangten, – die Quelle scheint munter weiter zu sprudeln – zielen darauf ab, deutlich zu machen, dass Kardinal Bertone effektiv nicht im Sinn des Papstes handelt, auch wenn er dies noch so hervorkehrt.

Es drängt sich die Frage nach dem Hintergrund dieser Spannungen auf. Kardinal Tarcisio Bertone wird dieses Jahr 78 Jahre alt. Mit 78 Jahren schied seine Vorgänger, Kardinal Angelo Sodano, aus dem Amt. Je nachdem, welcher vatikanischen Flüsterstimme man Glauben schenkt, sind jene Kräfte stärker, die Kardinal Bertone gerne ersetzt sähen und nur darauf warten, dass der Papst einen Nachfolger ernennt, oder aber jene, die ihn fest im Sattel und mit vollstem päpstlichen Vertrauen ausgestattet wähnen. Das italienische Onlinejournal affaritaliani.it zitiert jüngst eine vatikanische Quelle, die zu jener Fraktion gehört, die davon ausgeht, dass der Papst weiß, was er an Bertone hat. Da das Amt des Staatssekretärs mit dem Tod des Papstes erlischt, wird – so vermutet man – kein neuer mehr ernannt werden.

Kardinal Bertone steht an der Schnittstelle zweier Machtspiele, die gleichzeitig ablaufen.  Zum einen dürften die traditionell der vatikanischen Diplomatenkarriere entstammenden Beamten des Staatsekretariates nicht glücklich sein, dass nunmehr Leute des Vertrauens von Kardinal Bertone bei Personalentscheidungen eher bedacht werden und erst an zweiter Stelle die bisherige Karriere.

Zum anderen, das wird an der Causa Tettamanzi deutlich, gibt es ein Machtspiel zwischen dem Vatikan und der Italienischen Bischofskonferenz um die Bestimmung der politischen Leitlinien der Kirchenpolitik in Italien. Das Institut „Toniolo“, so die oben erwähnte vatikanische Quelle von affaritalini.it, hat in der vatikanischen Lesart eine gesamtkirchliche Funktion, obwohl es faktisch eine nationale Einrichtung ist, also der Bischofskonferenz zugeordnet wäre. Da aber vatikanische Ansprüche bestehen, muss der Zugriff auf das Institut durch das Staatssekretariat gesichert sein. Nur so erklärt sich die Tatsache, dass der Vatikan Kardinal Tettamanzi zum Rücktritt auffordert, ihn aber dann doch auf der Stelle belässt: Klar muss sein, wer das Sagen hat.

Die gegenwärtigen Vorkommnisse bezeugen, dass im Vatikan viel Frustration, ein schlechtes Arbeitsklima und einige sich verselbständigende Machtspiele herrschen müssen. Wenn immer wieder brisante Dokumente nach außen sickern, ist dies ein Indiz dafür, dass hier jemand alte Rechnungen begleichen will und dass jetzt der Moment gekommen scheint, dies zu tun. Auslöser dürfte der dieses Jahr anstehende 78. Geburtstag von Kardinal Bertone sein.

Dass Päpsten solch italienisch-vatikanisches Machtgerangel zuwider sein muss, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Ähnliche Spiele führten in der Geschichte zum Exil der Päpste in Avignon. Auch damals wollten sich die Päpste den römischen Machtkonstellationen entziehen – langfristigen Erfolg hatte das Avignoneser Projekt nicht. Bislang gelingt es vor allem dem päpstlichen Pressesprecher, Federico Lombardi, die Wogen der mitunter primitiv anmutenden Spiele nach außen hin einigermaßen zu glätten. Er hat gute Chancen, Papst und Staatsekretär zu überleben. Gott schenke ihm gute Gesundheit.

Theo Hipp, kath.de-Redaktion

3 thoughts on “Was ist mit den Römern nur los? (09.03.2012)

  1. Dieser Kommentar bestätigt voll das, was Marco Politi in seinem traurig stimmenden aber lesenswerten Buch “Joseph Ratzinger. Crisi di un papato” schildert. Ja, die Ereignisse geben ihm Recht und das Buch schreibt sich sozusagen selber weiter. Aber die Kirche wird auch das überleben: Sie hat schon viel Schlimmeres überlebt (siehe Avignon …).

  2. Dieser Kommentar zeigt mir lediglich, dass die Kirchenspalter (hier in Persona T. Hipp) jetzt auch noch die letzten Register ziehen und sogar einen erneuten Exil des hl. Stuhls beschwören, um Mißtrauen gegenüber dem Vatikan zu säen.
    Ein Besonderes Vergnügen bereitet dieses Spielchen, wenn man wie eine Made im Speck die Kirche von innen heraus bekämpfen und sich diesen Kampf auch noch von der Verhasten Kirche fürstlich entlohnen lassen kann.
    Nicht wahr Hr. Pf. Hipp?

    • Werter Vorposter!
      Wenn etwas Falsch geschrieben ist, sagen Sie es, Sie haben hier die Möglichkeit daz! Ansonsten enthalten Sie sich am besten übergriffiger Einlassungen. Denn es gilt das Wort Jesu: Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Strategie des Stillhaltens und Weiterwurschtelns hat dazu geführt, dass die Kirche einen guten Teil ihrer Glaubwürdigkeit verloren hat. Es kann der Kirche nur nützen, wenn laut gesagt wird, wie das Handeln ihrer Verantwortlichen bei den Gläubigen ankommt.

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