Politische Offensive erwünscht (23.03.2012)

Die Herausforderungen der Papstreise nach Mexiko und Kuba

Am Dienstagabend hat ein Erdbeben der Stärke 7,4 Mexiko-Stadt und die Pazifikküste schwer erschüttert. Zwar wurden einige Menschen verletzt und Gebäude zerstört, es soll aber keine Toten gegeben haben. Mexiko hat das Beben offenbar glimpflich überstanden.

Ein Großereignis anderer Art steht dem Land hingegen unmittelbar bevor. Es ist der dreitägige Besuch von Papst Benedikt XVI., der den Pontifex von diesem Freitagabend an in das Landesinnere nach León de los Aldama und ins nahe gelegene Guanajuato, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates in Zentralmexiko, führen wird.

Mexiko: Drogenkrieg
Welche Spuren die Visite des Kirchenoberhauptes hinterlassen wird, das wird sich vor allem auch an seinen Ansprachen, Predigten und Reden entscheiden. Im Vorfeld der Reise wurde bekannt, dass der Papst zum Ende der Gewalt in dem vom Drogenkrieg erschütterten Land aufrufen will. Er werde seine Botschaften auf die Bereiche Werte und Erziehung konzentrieren, erklärte der Apostolische Nuntius in Mexiko, Christophe Pierre, vor Journalisten. Gleichzeitig unterstrich er, dass Benedikt XVI. „keinerlei Einfluss auf den aktuellen Wahlkampf in Mexiko“ nehmen wolle.

Kuba: Menschenrechte
Die Frage nach dem Wirkungsradius der Reise stellt sich nicht minder Kuba betreffend, wo der Papst im Anschluss an seinen Mexiko-Besuch vier Tage zu Gast sein wird. Jüngst haben die Menschenrechtsaktivistinnen der „Damas de Blanco“ von der kubanischen Kirche ein Treffen mit Papst Benedikt gefordert. Daraufhin sind zahlreiche ihrer Mitglieder, Mütter, Ehefrauen und Töchter der politischen Gefangenen Kubas, festgenommen, jedoch inzwischen wieder freigelassen worden. Nach den Sonntagsgottesdiensten demonstrieren die Frauen für gewöhnlich in Weiß gekleidet für Bürgerrechte.

Denn diese werden in Kuba, das nur eine zugelassene Partei, die Kommunistische Partei Kubas (PCC), und keine vom Staat unabhängige Gerichtsbarkeit kennt, noch immer vielerorts missachtet. Das betrifft insbesondere das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Presse-, Vereinigungs- oder Versammlungsfreiheit. Das Internet ist auf Kuba nur unter schweren Einschränkungen zugänglich. Wie Menschenrechtsorganisationen weltweit belegen, werden unabhängige Journalisten immer wieder belästigt, eingeschüchtert oder vorübergehend inhaftiert. Die Verhaftung und Verurteilung von Regimekritikern steht ebenso auf der Tagesordnung.

Vor wenigen Tagen besetzten schließlich dreizehn Regierungskritiker der nicht anerkannten Republikanischen Partei Kubas (PRC) eine Kirche in Havanna. Ihr Anliegen, so Zeitungsberichte, sei ein Treffen mit dem Papst, sie drängten auf tiefschürfende soziale und politische Reformen sowie die Freilassung aller politischen Gefangenen. Die Erzdiözese Havanna reagierte mit einer scharfen Verurteilung: Niemand habe das Recht, „die spirituelle Vorfreude der Kubaner auf den Besuch Benedikts XVI. zu stören und die Kirchen in Schauplätze eines politischen Kampfes zu verwandeln“, hieß es in einer Erklärung. Politik und Kirche – ein Gegensatzpaar?

Nachdem unter Fidel Castro über Jahrzehnte hinweg zahlreiche so genannte „antireligiöse Maßnahmen“ in Kuba unternommen worden waren, hat sich das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und kommunistischer Regierung ab den 1980er Jahren stabilisiert. Die Zahl der katholischen Geistlichen auf Kuba hatte sich bis dorthin aber schon um über die Hälfte reduziert. Und zahlreiche Konfliktfelder blieben und bestehen bis heute, wie das Beispiel von Kardinal Jaime Ortega zeigt:  2010 rang der Erzbischof von Havanna der kubanischen Regierung  das Versprechen ab, alle von Amnesty International als gewaltfrei eingestuften politische Häftlinge, die unter menschenunwürdigen Umständen in den kubanischen Gefängnissen einsaßen, in die Freiheit zu entlassen.
Der Papstreise ist zu wünschen, dass sie in Kuba nicht dabei Halt macht, den 400. Jahrestag der Erscheinung der Barmherzigen Jungfrau von El Cobre zu feiern. Dagegen stehen die „Damas de Blanco“ als lebendiges Mahnmal. Und angesichts des aktuellen Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung, der Mexiko Rückschritte in Demokratie, Gewaltenteilung und Bürgerrechten attestiert, ließen sich neben dem Aufruf zu einem Ende des Blutvergießens zwischen verfeindeten Drogenbanden sicherlich weitere wichtige Zeichen setzen.

Zum Vergleich: Die politische Enzyklika von Pius XI., 1937
Ein Blick zurück in die Geschichte beweist, dass sogar ein Papst sich die Kanzeln der Kirchen zu Eigen gemacht hat, um einen Brandbrief gegen die bestehen politischen Verhältnisse unter die Menschen zu streuen: Fast auf den Tag genau vor 75 Jahren, am 21.03.1937, verlasen katholische Priester überall im Dritten Reich die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von Papst Pius XI., in der sich der Vatikan offen gegen die Hitlerdiktatur stellte. Zuvor war das Lehrschreiben über geheime Manöver, die einem Kriminalroman gleichkommen, an den Fängen der Gestapo vorbei von Rom über die Alpen gelangt. Bis heute handelt es sich um die einzige in deutscher Sprache verfasste Enzyklika.

Dem päpstlichen Schreiben, das einen „Vernichtungskampf“ gegen die Kirche in Deutschland anprangerte, waren Übergriffe auf kirchliche Vertreter vorausgegangen, deren Willkür und Unrecht auch einen Bruch mit dem im Juli 1933 geschlossenen Reichskonkordat bedeuteten, jenem Staatskirchenvertrag, der das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Deutschen Reich festschreiben und der Kirche eine gewisse Eigenständigkeit, auch unter dem Hitler-Regime, erhalten sollte. Was aber lehrt uns diese päpstliche Offensive gegen die nationalsozialistische Diktatur mit Blick auf die bevorstehende Papstreise?

Deutlich wird dabei vor allem, dass die Kirche dort, wo die universalen Menschenrechte mit Füßen getreten werden, in die Offensive gehen muss – sei sie nun unmittelbar davon betroffen, oder lediglich Zeuge oder Mitwisserin von Einschüchterung und Schikane, von jeder Form der Ungerechtigkeit . Hitler hat nach der Veröffentlichung des Geheimschreibens angekündigt, die Kirche und alle Geistlichen „zurückzudrücken in die ihnen gebührende geistlich-seelsorgerische Tätigkeit.“ Dass diese Zurückdrängung eine folgenschwere Verkürzung des Kirchenbildes bedeutet, gilt überall und zu jederzeit, nicht nur für den lateinamerikanischen Kontinent, der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich vom Gedankengut der Befreiungstheologie geprägt ist.

Einen „Anstoß zur Überwindung der Armut und Gewalt, zur Förderung der Hoffnung und des Friedens“, wie ihn sich Vatikansprecher Federico Lombardi von der Papstreise erhofft, wird es geben, wenn Benedikt XVI. die jeweiligen politischen Verhältnisse kritisch in den Blick nimmt. Die Menschen in Mexiko und Kuba erwarten diese Signale. Wie der Papst diese Aufgabe löst, beobachten viele mit Spannung.

Veronica Pohl
kath.de-Redaktion

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