Lebensmittel – Mittel zum Leben oder mehr? (16.03.2012)

Eine in dieser Woche im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz von der Universität Stuttgart veröffentlichte Studie bestätigt, was wir schon lange wissen: Im Supermarkt kaufen wir mehr ein, als wir wirklich benötigen, im Restaurant bestellen wir mehr, als wir wirklich essen wollen. Am Ende landen die Reste, elf Millionen Tonnen jährlich, im Abfall – nicht nur in der Gastronomie oder im Großmarkt. Das Ganze steht in schreiendem Widerspruch zum Hunger in anderen Teilen der Welt oder dazu, dass auch bei uns immer mehr Menschen das Geld für eine warme Mahlzeit am Tag fehlt. “Wir leben in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In Deutschland und Europa wird viel zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet”, erklärte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Bekannt ist das Problem seit Jahrzehnten, geschehen ist bisher wenig, und Impulse sind von der Politik, die sich vor allem Lobby-Interessen verpflichtet fühlt, nicht zu erwarten, zumindest keine, die dafür sorgen, dass jeder Haushalt mit seinem täglich Brot sorgsamer umgeht.

Der Stellenwert des Essens und der Umgang mit Nahrungsmitteln hat sich gewandelt

Was essen wir, welchen Stellenwert nimmt unsere Ernährung in unserem Alltag ein? Der Umgang mit Essen und mit Nahrungsmitteln hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt: Wurde noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts mehr als die Hälfte des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben, sind es heute in Deutschland nur noch etwa neun Prozent. Das Augenmerk liegt heute für Viele auf vermeintlich preisgünstigem, schnell verfügbarem Essen. Viele junge Erwachsene können heute nicht mehr kochen, der Einzelhandel bietet Convenience-Food an, die Fast-Food-Ketten boomen. Gemeinsames Essen in der Familie oder im Freundeskreis findet immer seltener statt. Das Brötchen kommt heute nicht mehr aus der Bäckerei nebenan, sondern als tiefgefrorener Rohling aus Asien, statt Fisch aus heimischen Gewässern und Gemüse vom Bauern wird das vorgefertigte Mikrowellenmenü zum Standard. Essen in Deutschland ist verkommen – zu einer möglichst billigen, fast schon lästigen Nebensache. Viele Bundesbürger essen im Gehen oder im Stehen, an Döner-, Burger- und Donut-Buden. Die Fußgängerzonen vieler Städte sind heutzutage mit ihren Filialen der üblichen Fast-Food-Ketten und Billigbäckereien regelrecht zugepflasterte riesige Buffets – zumeist ohne jeden Geschmackssinn und -verstand.

„Geiz ist geil“ – auch bei Lebensmitteln

Auch nutzt der Verbraucher gerne das die Supermärkte und Discounter dominierende Prinzip “Mehr Ware für immer weniger Geld“. Nach jüngsten Daten der Gesellschaft für Konsumforschung schrumpft zwar der Marktanteil der Discounter, aber er liegt noch immer bei deutlich über 40 Prozent. Sich bewusst und gesund zu ernähren, hängt indes nur zu einem Teil vom Geldbeutel ab. Die Gesellschaft nimmt Lebensmittel nicht mehr als das wahr, was sie sind – nämlich kostbar. Stattdessen ärgern wir uns über hohe Benzinpreise und vergleichen stundenlang in Internetportalen DSL- und Stromtarife, was aber danach auf den Tisch kommt, ist uns weder lieb noch teuer.

Für einen achtsamen Umgang mit Lebensmitteln

Viele Ältere erinnern sich an ihre Kindheit. „Du musst gut mit Lebensmitteln umgehen, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, das war die Botschaft der Eltern an ihre Kinder. Es war absolut undenkbar, das Pausenbrot in der Schule wegzuwerfen oder Lebensmittel vergammeln zu lassen. Viele haben nur eingekauft, was man auch essen konnte – und niemals mehr.

Die Achtung vor Lebensmitteln ist ein zentraler Grundsatz religiöser Ethik. Obst und Gemüse, Getreide und Brot sind ein Teil von Gottes Schöpfung. Das wird besonders am Erntedankfest ganz sinnlich und handfest deutlich, wenn die Gaben der Natur in der Kirche vor dem Altar liegen. Wer mit Lebensmitteln schlecht umgeht, geht auch mit Gottes Schöpfung schlecht um. Wasser und Wein, Brot und Trauben spielen nicht ohne Grund auch in der christlichen Symbolik eine entscheidende Rolle. Ohne sie ist die Feier der Eucharistie undenkbar. Ohne sie gäbe es keine Möglichkeit, wesentliche Botschaften christlicher Verkündigung sinnlich erfahrbar zu machen: dass das Teilen einen Kern unseres Glaubens ausmacht, dass das Leben und der Glaube Geschenk sind.

Ohne Lebensmittel ist menschliches Leben unvorstellbar. Lebensmittel sind nicht bloß Waren. Im Umgang mit ihnen spiegelt sich vielmehr die Einstellung des Menschen zur Welt und zu seinem Schöpfer wider. In einer Zeit der billigen Massenproduktion fällt es schwer, diese Position zu vertreten. Lebensmitteln als Teil der Schöpfung Gottes mit Achtung begegnen – solch eine Mahnung klingt für viele Zeitgenossen antiquiert. Aber bei aller Ohnmacht, die wir als Endverbraucher einer langen Produktionskette spüren: Im Kleinen können und sollten wir noch heute damit beginnen. Die Vorbereitungszeit auf das Osterfest lädt uns auch dazu ein.

Andrea Kronisch, kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Lebensmittel – Mittel zum Leben oder mehr? (16.03.2012)

  1. Hey there! This is kind of off topic but I need some help from an established blog. Is it very hard to set up your own blog? I’m not very techincal but I can figure things out pretty quick. I’m thinking about creating my own but I’m not sure where to begin. Do you have any ideas or suggestions? Cheers
    [url=http://www.hnsjjh.com/category-6.html]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*