Wenn in der Unternehmensführung die Kälte regiert (03.02.2012)

NSN-Mitarbeiter als Spielfiguren der Finanzstrategen

Kalt ist es dieser Tagen, bitterkalt. Während der Großraum Deutschland in der Nacht zum Freitag dem Höhepunkt der Kältewelle aus dem Osten ausgesetzt war, froren diesen Mittwoch ganz besonders die Arbeitnehmer von Nokia Siemens Networks (NSN) in München. Trotz eisiger Temperaturen bekundeten 2000 Mitarbeiter vor dem Hauptsitz des Unternehmens lautstark ihren Protest gegen die geplante Schließung der Niederlassung. Insgesamt sollen in Deutschland 2900 Stellen gestrichen werden, wie die Unternehmensleitung am Dienstag bekannt gab. Mit dieser Entscheidung wird hierzulande jeder dritte Arbeitsplatz strategisch eingespart.

Als kalt-schnäuzig ist vor allem auch die Art und Weise zu bezeichnen, in der NSN seine Angestellten über die Stellenstreichungen informierte. „Restrukturierung von NSN – nächste Schritte in Deutschland“ lautete der Betreff einer Email, die alle Mitarbeiter am Dienstag um 12.01Uhr erreichte. Details wurden erst Stunden später auf einer Betriebsversammlung bekannt gegeben. Stunden der Ungewissheit also für die Betroffenen, „brutaler geht es nicht“, urteilt Michael Leppek von der IG Metall München über das Prozedere.

Diese Vorgehensweise verstärkt ohne Frage den Eindruck, dass hier „Mitarbeiter wie Figuren hin- und hergeschoben werden“, wie der Vertreter der katholischen Betriebsseelsorge, Pfarrer Ulrich Bensch, auf der Kundgebung in München anprangerte. Hinter den Mitarbeitern stünden aber „Menschen mit ihren Gesichtern und Existenzen“. Und überhaupt schaffe erst die menschliche Arbeit Werte. Dieser Gedanke sei Verantwortlichen und Geldgebern mehr und mehr abhanden gekommen. Die Kirche stehe aus diesen Gründen an der Seite der Beschäftigten, des Betriebsrates und der Gewerkschaft, so Bensch.

Ein politischer Schulterschluss mit den Arbeitnehmern zeichnet sich derzeit auf Landesebene ab. So forderte der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) von Siemens die Übernahme möglichst vieler betroffener Mitarbeiter. Für die Krise verantwortlich sei die NSN-Spitze. Deren „Fehlentscheidung“ der Standortschließung habe keine konjunkturellen Ursachen, sondern sei Folge einer „missglückten Unternehmensstrategie“ und „klarer Managementfehler, für die langjährige Mitarbeiter nun den Kopf hinhalten müssen“. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler kündigte hingegen an, er werde nicht eingreifen. Die Bundespolitik halte sich in den Regionen zurück.

Jedoch  die Entscheidung, bundesweit 2900 Stellen zu streichen, kann wohl kaum als „regional“ bezeichnet werden.  In jedem Fall hoffen die Mitarbeiter von NSN auf die breite Solidarität der Politik. „Rettet auch unseren Standort, nicht nur die Banken“, war auf den Transparenten in München zu lesen. Der Vertreter der Geschäftsleitung räumte unterdessen ein, dass die Standortschließung einen „massiven Eingriff in die persönliche Lebensplanung der Mitarbeiter bedeutet“. Und das ist sicherlich keine Übertreibung, ist doch in München ausnahmslos jeder NSN-Mitarbeiter entweder durch Arbeitsplatzverlust oder durch Umzug unmittelbar betroffen.  „Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die uns aus den geplanten einschneidenden Maßnahmen erwachsen. Im weiteren Planungsprozess werden wir stets großen Wert auf Fairness und Respekt sowie auf die Einhaltung aller rechtlichen Vorschriften legen“, beteuerte der Sprecher der Führungsetage.

Kann diese Zusage das Vertrauen der Betroffenen gewinnen? „Forum der Solidarität“ lautet der Name jener Initiative, die Pfarrer Ulrich Bensch bereits 2002 ins Leben gerufen hatte. Damals war es um den Erhalt der Arbeitsplätze der Siemens-Beschäftigten in der Münchener Hofmannstraße gegangen. Vor diesem Hintergrund erklärte Bensch: „Der einstige Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer schrieb ein Buch über Profit und Moral. Der jetzige Vorstandsvorsitzende Peter Löscher stiftet einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der TU München. Angesichts dessen möchte ich doch fragen:  Welche Grundlagen haben denn von Pierers Moral und Löschers Wirtschaftsethik? Rendite, Quartalszahlen und shareholder value sind kurzfristige Werte, gehen langfristig aber auf Kosten der Beschäftigten.“

Die Feststellung des Betriebsseelsorgers, dass der nach außen gekehrte Anspruch und die Praxis der Entscheidungsträger zweierlei Dinge sind, erhalten im Zuge der jüngsten Umwälzungen der Siemens-Tochter unverhohlene Aktualität – scheinbar entbehrt die Unternehmensphilosophie von NSN noch immer jener moralisch-ethischen Grundlage. Das  unverfrorene Auftreten des NSN-Finanzchefs Marco Schröter macht es dieser Tage deutlich.

Es ist jedoch zu billig, dass sich ein liberaler Wirtschaftsminister mit dem Argument der Regionalität aus der Affäre zieht. Auch die Bundesregierung trägt Mitverantwortung bei der Entwicklung ethischer Standards im Umgang mit Mitarbeitern, in regionalen Belangen wie auf Bundesebene, im Kleinen wie im Großen. Und wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer China-Reise aktuell für das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft wirbt, müsste sie auch den Anspruch an einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Arbeitnehmern repräsentieren– gerade gegenüber dem Gesprächspartner China. Mitarbeiter sind weder Spielfiguren, die – je nach Lage der Bilanzen – wie auf einem Schachbrett herum geschoben werden dürfen, noch sind sie eine Kapitalmasse, aus der es den größtmöglichen Gewinn zu schlagen gilt. Mit der nötigen moralischen Autorität wird sie das nur vorbringen können, wenn es ihrer Bundesregierung nicht egal ist, dass dieses Verantwortungsbewusstsein auch in Deutschland stellenweise mit Füßen getreten wird.

„Dass so viele Menschen bereit sind, zu kämpfen, ist toll“, findet Lu-Ping Shen. Die Chinesin arbeitet seit zehn Jahren bei NSN in München und nimmt selbstverständlich Teil an den Demonstrationen gegen den Stellenabbau. Der Protest stimmt sie bei allem Entsetzen über die jüngsten Eröffnungen der Unternehmensspitze zuversichtlich. Denn normalerweise seien „die Deutschen ja nicht so leicht zu mobilisieren“.

Ganz gewiss  wird das aktuelle Kältetief schon bald milderen Temperatuten weichen. Zu hoffen bleibt, dass sich das Klima der Unternehmensführung daran ein Beispiel nimmt und keine frostige Eiszeit Einzug hält.

Veronica Pohl

kath.de-Redaktion

One thought on “Wenn in der Unternehmensführung die Kälte regiert (03.02.2012)

  1. Vielen Dank für Ihren mutigen und im Grundsatz richtigen Kommentar! Ich sende Ihnen in den nächsten Tagen gerne noch einige Gedanken dazu.

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