Was macht Joachim Gauck zum Superstar? (24.02.2012)

Die Gesellschaft sehnt sich nach Ehrlichkeit und Offenheit

Nach langem Ringen ist am vergangenen Freitag Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten. Nur wenig später präsentierte ein breites politisches Bündnis den neuen und alten Kandidaten Joachim Gauck. Der 72-jährige ehemalige Bürgerrechtler der DDR erfreut sich großer Beliebtheit. Laut einer Blitz-Umfrage des ZDF-Politbarometers befürworten 69 Prozent der Befragten die Nominierung Gaucks. Was macht ihn zu einem solchen „Superstar“?

Das schwierige Kriterium der Moral

Die Beantwortung der Frage führt über die Beobachtung der Causa Christian Wulff. Der Tenor vieler Äußerungen war, dass er im Amt des Staatsoberhauptes nicht mehr tragbar gewesen sei. Sein Verhalten schade gar dem Amt. Der Bundespräsident besitzt kaum politische Macht, wohl aber eine moralische, wie die wochenlangen Diskussionen in der Öffentlichkeit zeigten. Es scheint, dass die Menschen eine moralische Autorität ähnlich dem Papst in der katholischen Kirche suchen und an der Spitze der Bundesrepublik wünschen.

Bei Wulff wurde auf diese moralische Autorität besonders Bezug genommen und auf die Verantwortung ihr gegenüber verwiesen. Es findet mit der Moral ein Kriterium Anwendung, das in der Gesellschaft nie einen so großen Raum einnimmt. Christian Wulff versuchte zu dieser Normalität – die Moral steht eher im Hintergrund – wieder zurückzukommen. Bereits im Dezember beteuerte er öffentlich: „Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig.“ Mit diesem Satz bewirkte er aber nicht ein Ende der Diskussion, sondern das Gegenteil. Die Öffentlichkeit konzentrierte sich fortan nicht mehr auf die rein juristische Sicht der Dinge, sondern beurteilte sein Handeln immer mehr aus der moralischen Perspektive. Damit führte er in die öffentliche Diskussion explizit die moralische Beurteilung als Kriterium ein, fügte sich aber nicht dem moralischen Druck, der durch Berichterstattungen und Äußerungen von Politikern aufgebaut wurde. Erst die juristische Nachprüfung seines Handelns bewog ihn zum Rücktritt. 

Die persönlichen Verhältnisse und der Umgang mit dem Geld

Im Vergleich von Christian Wulff und Joachim Gauck fällt auf, dass bei beiden die erste Ehe in die Brüche ging. Bei Joachim Gauck werden bereits kurz nach der Nominierung Stimmen laut, die auf sein Privatleben hinweisen, lebt er doch seit 1991 von seiner Ehefrau getrennt und seit 2000 mit einer neuen Frau zusammen. In der öffentlichen Debatte wird diese „wilde“ Ehe aber mehr und mehr als private Angelegenheit verteidigt. Auch Wulffs Scheidung und die neue Ehe wurden als „Privatangelegenheit betrachtet, aber Medien und Öffentlichkeit nahmen die eigentlich auch nur privaten finanziellen Geschäfte von Christian Wulff genau unter die Lupe. Die moralische Beurteilung wurde also gerade auf den Umgang mit Geld angelegt und Vorteilsannahme unterstellt. In Zeiten von Wirtschaftskrise und Griechenlandrettung war und ist die Öffentlichkeit für dieses Thema besonders sensibel. Die breite Masse war verwundert über Sonderkonditionen beim Hauskredit, die freundschaftliche Bezahlung von Urlauben oder die Ausrichtung von Feiern. Wie die einzelnen Punkte auch juristisch beurteilt werden mögen, wurde immer weniger diskutiert. Die Menschen sehnen offensichtlich sich nach einem Bundespräsidenten, der sich in finanzieller Hinsicht nichts hat zu Schulden kommen lassen. In Zeiten von maroden Euro-Ländern und Bankmanagern, die fremdes Geld verzocken und selten zur Rechenschaft gezogen werden, erwarten die Menschen vom Staatsoberhaupt gerade im Punkt Geld eine deutliche Ehrlichkeit. 

Joachim Gauck – ein Kämpferherz für die Demokratie

Darin liegt meiner Ansicht nach der Grund für den bisherigen Erfolg Joachim Gaucks: Er kann durch seine Biographie deutlich machen, dass er sich nicht um des Geldes und anderer materieller Vorteile wegen für Demokratie und Freiheit eingesetzt hat. Diesen Vorteil hatte ein Christian Wulff nicht, der in der Bevölkerung eher als Berufspolitiker und nicht als Kämpferherz für die Demokratie wahrgenommen wurde. Dem 72-jährigen Joachim Gauck kauft man ab, dass er das höchste Staatsamt aus Überzeugung antritt und dafür seinen Altersruhestand aufgibt. Viele Männer in seinem Alter können sich gewiss andere Aufgaben vorstellen, als noch mal „eben“ Bundespräsident zu werden. Was ihn antreibt, ist sein Engagement. Das „kaufen“ ihm die Leute ab, auch wenn seine persönlichen Lebensverhältnisse ungeordnet sein mögen.

Ein weiterer Grund für die positive Stimmung im Volk ist, dass Joachim Gauck viel natürlicher wahrgenommen wird als der Jurist Christian Wulff, der sich stets gewählt auszudrücken vermochte. Joachim Gaucks Aussage, er habe sich vor der Pressekonferenz mit der Spitze der deutschen Bundespolitik noch nicht einmal gewaschen, ist wohl kaum als eine „würdige“ Aussage eines Bundespräsidenten zu bezeichnen. Aber das wird gerade als eine ehrliche Aussage wahrgenommen. Dadurch wirkt Gauck natürlich. Und sein Bericht von der Nachricht im Taxi bewegt die Menschen und die Medien, so dass der Taxifahrer bei Stern-TV zur Berühmtheit wird.

Neben dieser märchenhaften Umrahmung gibt es aber noch eine weitere, ja die entscheidende Stärke des Christen Joachim Gauck, die er auch am Beginn seiner ersten Stellungnahme äußert: „Und am meisten bewegt es mich, dass ein Mensch, der noch geboren ist in diesem finsteren, dunklen Krieg und der 50 Jahre in der Diktatur aufgewachsen ist, und hier seine Arbeiten getan hat, nach der Wiedervereinigung … jetzt an die Spitze des Staates gerufen wird.“ Joachim Gauck verkörpert deutsche Geschichte. Er ist durch sein Leben und sein Engagement ein Zeuge gegen das Vergessen des Unrechts im Dritten Reich und der Deutschen Demokratischen Republik. Das würdigen viele Bürger, die unter den ungerechten Fängen von Nationalsozialismus und DDR-Staatssicherheit zu leiden hatten.

Sebastian Pilz, kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Was macht Joachim Gauck zum Superstar? (24.02.2012)

  1. Es wird meist von den ungeordneten persönlichen verhältnissen von j. gauck gesprochen – noch verheiratet, aber schon seit vielen jahren mit neuer frau liiert. Was ist daran ungeordnet? Weil er noch verheiratat ist? Das kann man aus einer perspektive sagen, die ausschließlich die ehe als form des zusammenlebens von mann und frau gelten lässt. Dies ist durchaus gerechtfertigt, gerade aus christlicher überzeugung, doch wenn die betroffenen personen sich arrangiert haben und “damit” leben können, sind die verhältnisse doch geordnet, oder nicht? Sie haben sich eben diese “ordnung” ihres (zusammen-)lebens gegeben. Ein andere, und sehr wichtige, frage ist es, wie die kirche mit solchen menschen umgeht, sie in ihre gemeinschaft integriert, ode eben nicht. Im übrigen ist die private lebensform eben eine – privatsache, durchaus vom vom amt getrennt,

    meint
    herzlichst:
    Helmut Zimmermann

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*