Traumschiff wird zum Schiffs-Trauma (20.01.2012)

Das Unglück eines Traumschiffes und die Arche Noah

Die Havarie der Costa Concordia am vergangenen Freitag ist ein Schock – kurzzeitig wurde in den Medien gar der Vergleich mit dem Menschheitstrauma „Titanic“ ausprobiert. Nachdem das Kreuzfahrtschiff den ca. 70 km westlich von Rom gelegenen Hafen Civitavecchia verlassen hatte und sich zu einer Kreuzfahrt durch das westliche Mittelmeer aufmachen wollte, rammte es vor der Insel Giglio einen Felsen und lief auf Grund. Dieses Unglück kostete elf Menschen das Leben und 21 weitere werden – eine Woche danach – noch vermisst. Doch nicht nur die tragischen Menschenschicksale fesseln das Interesse der Öffentlichkeit. Es geht auch um die Entlarvung einer Illusion. Mit dem langsamen Sinken der Costa Concordia sinkt auch das makellose Image vom Traumschiff.

In der Fernserie mit dem Titel „Das Traumschiff“, die seit mehr als 30 Jahren im ZDF zu sehen ist, werden die Zuschauer auf exotische Reisen zu entlegenen Orten mitgenommen. Dieses als perfekt dargestellte und vom „Captain’s Dinner“ gekrönte Urlaubserlebnis versuchen viele Deutsche auch real genießen zu können. Kreuzfahrten sind besonders in den letzten Jahren in Mode gekommen und werden von Menschen aller Altersklassen gebucht. Doch nach dem Zusammenstoß der Costa Concordia mit einem Felsen, bei dem auch Urlauber aus Deutschland vermisst werden, sind viele Deutsche schockiert und – jedenfalls für den Moment – desillusioniert. Auch in einem vermeintlich perfekten Urlaub kann es Unzulänglichkeiten und Unglück geben.

Die Geschichte eines anderen Schiffes kann als hilfreicher Kontrast zur Costa Concordia dienen: Es ist die biblische Geschichte der Arche Noah. Auf der Arche hatte alles seine Ordnung. So hatte Noah von Gott genaue Maße zur Herstellung seines Schiffes erhalten (Gen 6,15f) und er wusste, wie viele Passagiere sich auf seiner Arche befanden (Gen 7,1-3). Von der Costa Concordia kann man das nicht behaupten.

Es war ein offenes Geheimnis unter den Mitarbeitern des Kreuzfahrtschiffes, dass die Besatzung Freunde als „blinde Passagiere“ eingeladen hatte. Dass einige Teilnehmer der Reise nicht auf den offiziellen Listen erscheinen, erschwert die Bergungsarbeiten, da nicht genau klar ist, wie viele Personen wirklich vermisst werden. Rumänische Zeitungen berichten von einer Moldawierin, Domnica Cemortan, die sich als nicht registrierte Passagierin an Bord des Kreuzfahrtschiffes befunden hatte. Ob sie vom Kapitän eingeladen wurde oder von einem anderen Offizier, konnte bislang nicht geklärt werden.

Auch die Person des Kapitäns steht im Kontrast zu Noah. Der biblische Erzvater wurde von Gott auserwählt, die Sintflut zu überleben, da er „ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen“ (Gen 6,9) war. Vom Kapitän des italienischen Luxusliners, Francesco Schettino, kann das jeden Tag weniger behauptet werden. Seine Rolle im Drama der Costa Concordia ist noch nicht geklärt, doch rühmlich ist sie sicherlich nicht. So änderte der Kapitän den Kurs vorbei an der Insel Giglio und nahm eine Route, die näher am Hafen der Insel liegt. Angeblich fuhr das Schiff sehr dicht an die Küste heran, um die Inselbewohner zu grüßen.

Dann ist noch ungeklärt, warum Schettino nicht direkt nach dem Zusammenstoß mit dem Felsen die Küstenwache über den Vorfall informierte und behauptete, dass es lediglich einen Stromausfall auf dem Schiff gebe. Geschah dies aus falscher Eitelkeit? Hätte der Kapitän die 45 Minuten zwischen der Kollision mit dem Felsen und dem Beginn der Evakuierung effizient genutzt, darin sind sich Experten einig, wäre die Rettung der Passagiere erfolgreicher verlaufen.

Bei beiden Unternehmungen, bei der Arche wie bei der Costa Concordia, lag das Gelingen und das Leben Vieler in der Hand einer Person. Während allerorten versucht wird, Verantwortung zu anonymisieren und zu delegieren, scheint dies beim vermeintlichen Traumschiff nicht zu gelingen. Der Kapitän bestimmt den Kurs – und dies hat bei der Costa Concordia in die Tragödie geführt.  Der Mitschnitt des Telefonates des Hafenkommandanten von Civitavecchia mit dem Kapitän Schettino zeigt, dass hier die Verantwortung für das Leben vieler Menschen jemandem übertragen wurde, der dafür in keiner Weise geeignet erscheint. Was wohl der biblische Gott getan hätte, wenn sein Noah sich so einfältig  gebärdet hätte?

Das Unglück der Costa Concordia ist traurig und erschreckend.  Es zeigt – bei allem Respekt für Sicherheitsstandards – vor allem eines: Maximale Sicherheit ist nur durch die Übernahme persönlicher Verantwortung zu erreichen. Das bedeutet in diesem Fall, für die Konsequenzen der eigenen Fehler einzustehen – auch wenn das eigene Leben und die eigene Ehre dadurch in Gefahr geraten. In diesem Fall wäre es wohl lebensrettend gewesen.

Roland Müller

kath.de-Redaktion

One thought on “Traumschiff wird zum Schiffs-Trauma (20.01.2012)

  1. Stolz ist oft ein fiese Hindernis und es ist unverantwortlich wenn deswegen Menschen zu Schaden kommen oder gar sterben. Kapitän und Reederei müssen auf jeden Fall zur Verantwortung gezogen werden.

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