Papst plädiert für Stille im Netz (27.01.2012)

Der Unterschied von virtueller Begegnung und geistlichem Leben

Die Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 46. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel ist in dieser Woche – traditionell am Fest des Heiligen Franz von Sales, dem Patron der Journalisten – vom Vatikan herausgegeben worden. In den Medien fand die Botschaft bereits Beachtung, auch wenn die deutsche Kirche den Welttag eigentlich erst am 9. September begeht. Der Papst beleuchtet den menschlichen Kommunikationsprozess genauer. Er schätzt das Internet als Medium nicht sehr hoch ein, fordert aber andererseits vom Nutzer einiges, vielleicht zu viel.

Die Dynamik des Internets: Mehr als bloßer „Antwort-Bomber“

So ist das Netz für den Papst „immer mehr der Ort von Fragen und Antworten; mehr noch, der Mensch von heute wird mit Antworten auf Fragen bombardiert, die er sich nie gestellt hat“. Diese Sicht ist zu einseitig: Das Internet ist heute mehr als nur eine reine Datenquelle und Informationsplattform. Es wird für immer mehr, gerade junge Menschen, zum Arbeitsmedium und zur wetterunabhängigen „Parkbank“ für das Treffen mit Freunden und den Plausch mit den virtuellen Nachbarn. Das Internet ist tatsächlich ein Medium, weil es zwischen den verschiedensten Menschen vermittelt und Kommunikationsprozesse ermöglicht, die über den reinen Frage-Antwort-Horizont hinausgehen. Nur wenige Nutzer sozialer Netzwerke sind Mitglied, weil sie Antworten auf bestimmte Fragen suchen. Ihr Interesse ist vielmehr die Gemeinschaft.

Insofern ist die aktuelle Dynamik der Internet-Kommunikation weniger das Fragen und Suchen nach Antworten, wie der Papst sie charakterisiert, sondern ganz allgemein das Interesse der Nutzer. Das Interesse ist dabei die konstante Größe in der gesamten Internetentwicklung: War es früher mehr das Interesse nach Informationen, Produkten und Dienstleistungen, geht es aktuell mehr in Richtung Begegnung, Gemeinschaft und Austausch. Bei allem Wandel der Interessenslagen bleibt der Nutzer der Entscheidende. Selbst in punkto Werbung im Netz. Sieht man von den Spam-Mails ab, die viele Nutzer ungelesen löschen, muss jeder, bevor er im Netz auf Werbung stößt, beispielsweise in einer Suchmaschine erst einmal eine Interessensanfrage stellen oder eine Seite ansteuern.

Das Große des Internets ist seine Leistungsfähigkeit in diesem Bereich, nämlich den Interessen der verschiedensten Menschen eine Plattform zu geben, egal ob Opernfreund oder Autoschrauber, für jede Interessenslage gibt es Angebote. Die vom Papst kritisierte „unaufhörliche Flut von Antworten“ resultiert nicht aus der Suche nach Wahrheit, sondern aus der Vielzahl der verschiedenen Menschen auf dem Globus, deren Abbildung das Internet ist.

Die überhöhte Forderung nach Stille als wesentliches Element der Kommunikation

Der Papst vergleicht die Stille, die er im Umgang mit dem Internet einfordert, mit dem Kommunikationsgeschehen zweier Liebender. Dieser Vergleich greift zu hoch, da es zu bezweifeln ist, ob und wie häufig es im Netz zu „Momenten der Kommunikation unter Liebenden [kommt]: die Geste, der Gesichtsausdruck und der Leib als Zeichen, die die Person erkennen lassen“, so der Papst in seiner Botschaft. Dieser Maßstab der Kommunikation im Netz ist eine Überforderung für seine Nutzer, da es zur Umsetzung eine leibhaftige Begegnung braucht. Sicherlich bieten Skype und andere Internettelefonanbieter die Möglichkeit zur realen und leibhaftigen Kommunikation, gerade für Liebende, die weit entfernt voneinander sind. Aber eine Ehe zweier Menschen, die ihren Liebes- und Lebensbund rein auf die Kommunikation im Internet begründen, ist noch nicht geschlossen worden. Das Internet wird in solchen Fällen vielmehr zum Medium hin zu einer realen Begegnung.

Der gesamte zweite Teil der Papstbotschaft liest sich wie ein Leitfaden zur Besinnung und der persönlichen Begegnung mit Gott im eigenen Herzen. Dieser Leitfaden vom Schweigen des Kreuzes, in dem die beredete Liebe Gottes bis zur äußersten Hingabe zu uns spricht, ist wertvoll für Menschen, die „es nicht versäumt [haben], das eigene innere Leben zu pflegen“ und „ist besonders wichtig für diejenigen, die das Wort Gottes verkünden“. Der Papst nennt folglich den Personenkreis, für den seine geistlichen Ausführungen gewiss wertvoll und zweckdienlich sind. Nur: Für die Nutzer sozialer Kommunikationsmittel, die auf der Suche nach Wahrheit sind, eignet sich die Botschaft nicht. Denn in ihrem Verständnis bedeutet Schweigen so viel wie keine Meinung oder kein Interesse zu haben oder gar offline zu sein. Das Schweigen im Netz ist das Ende der Internet-Kommunikation. Im Sinne des Papstes die Stille im Internet zu praktizieren, erscheint so nahezu ausgeschlossen.

Stärkung der Journalisten, Diener der Wahrheit zu sein

Bei aller genannten Kritik können die päpstlichen Gedanken zum Verhältnis von Stille und Wort aber für die Berufsgruppe der Journalisten als eine Stärkung und eine Zielsetzung verstanden werden, auch wenn Papst Benedikt XVI. das in seiner Botschaft nicht explizit anspricht. Die Redakteure und Autoren in den Medien sollen „Diener der Wahrheit“ sein. Mit ihrer Arbeit leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Nutzer, die nach der Wahrheit streben. Sie sollten sich also nicht von Profit und medialem Erfolg leiten lassen, sondern im Interesse für die Menschen arbeiten. Dabei dürften sie, wie Wolfgang Sauer, geistlicher Direktor der katholischen Journalistenschule ifp, im Münchner Kirchenradio diese Woche sagte, aber nicht als Herrscher der Wahrheit auftreten. Sie müssten vielmehr Demut üben. Dazu ist gewiss eine anspruchsvolle Kommunikation in den Redaktionen, aber auch bei jeder einzelnen Recherche von Bedeutung.

Es braucht dabei, wie der Papst zu Recht schreibt, „die Sensibilität und jene Fähigkeit des Hörens […], die oft das Ausmaß und das Wesen der Beziehung offenbart. Wo es eine Fülle von Nachrichten und Informationen gibt, wird die Stille unentbehrlich, um das, was wichtig ist, von dem, was unnütz oder nebensächlich ist zu unterscheiden. Eine gründliche Reflexion hilft uns [Journalisten, Anmerkung des Autors], die Beziehung zu erkennen, die zwischen Ereignissen besteht, die auf den ersten Blick nicht miteinander in Zusammenhang zu stehen scheinen; sie hilft uns, die Nachrichten zu bewerten und zu analysieren; und so kann man ausgewogene und sachbezogene Meinungen teilen und zu echter, gemeinsamer Erkenntnis gelangen. Daher ist es notwendig, ein förderliches Umfeld zu schaffen, gewissermaßen eine Art ‚Ökosystem’, das Stille, Wort, Bilder und Töne ins Gleichgewicht zu bringen weiß.“ Dieser Abschnitt des päpstlichen Schreibens ist, wie ich finde, eine gelungene Aufgabenbeschreibung für einen guten Journalisten, gerade im Medium Internet.

Sebastian Pilz

kath.de-Redaktion

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