Heilige Entschleunigung? (29.07.2011)

Sonntagsruhe als Einladung begreifen – nicht als Verbot

Sonntagsschutz ruiniert wirtschaftliche Existenz

Der Fraktionsvorsitzende der FDP in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, hat Einzelhändlern nahegelegt, aus der Kirche auszutreten. Die Schließung der Läden an Sonntagen gefährde die wirtschaftliche Existenz vieler Händler in Tourismusorten. Dagegen sollten sich die Einzelhändler wehren und konsequenterweise ihre Kirchen verlassen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern und im Bereich der Erzbistümer Berlin und Hamburg wird die Frage nach dem sogenannten Sonntagsschutz diskutiert und ist bereits Thema gerichtlicher Klagen.

Sonntagsheiligung

Ursprünglich war der Sonntag für den Besuch des Gottesdienstes vorgesehen. Daher reduzierte man die Arbeit an diesem Tag auf ein Mindestmaß. Der römische Kaiser Konstantin führte im 4. Jahrhundert erstmalig eine gesetzliche Sonntagsruhe ein. Zu seiner Zeit wurde das Christentum zur Staatsreligion. Grund für die Heiligung des Sonntags und die damit verbundene Ruhe ist die christliche Überzeugung, dass Christus am ersten Tag der jüdischen Woche, dem Sonntag, nach seiner Hinrichtung von den Toten auferstanden ist.

Sonntagsruhe ist Ländersache

„Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“, heißt es in Artikel 140 des Grundgesetzes. Die Zuständigkeit für die Umsetzung dieser Vorgabe des Grundgesetzes ist im Zuge der Föderalismusreform im Jahr 2006 auf die Länder übergegangen. Veränderte soziale Entwicklungen, wie die verstärkte Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen, das Aufbrechen klassischer Familienstrukturen und die zunehmend flexibleren Arbeitszeiten, waren einige der Gründe dafür, die Ladenschlusszeiten zu lockern. In Staaten wie Frankreich, den USA oder Australien gibt es keine Gesetze, die die Öffnungszeiten für den Einzelhandel regeln. Selbst im mehrheitlich katholischen und gesellschaftlich konservativen Polen müssen die Läden nur an zwölf Feiertagen im Jahr geschlossen bleiben.

Kommerz wichtiger als Menschen

„Allen freidemokratischen Christen empfehle ich den Austritt aus der FDP“, konterte nun der SPD-Landesvize Andreas Breitner. Die FDP stelle Kommerz über den Menschen und dessen Anschauungen. Die sogenannte Bäderregelung sieht vor, dass in Schleswig-Holstein Geschäfte in fast 100 Orten an rund 45 Sonntagen zwischen Mitte Dezember und Ende Oktober öffnen dürfen. Kubicki meint, selbst manche Kirchengemeinden in den Badeorten seien mit einer weitergehenden Einschränkung nicht einverstanden. Der parteipolitische Streit zwischen FDP und SPD instrumentalisiert nicht nur die Kirchen, er wirft auch die Frage auf, ob und wie der Sonntagsschutz zu rechtfertigen ist.

Tag der Entschleunigung?

Der Sonntag sei ein „Tag der Entschleunigung“, meint der Bischofsbevollmächtigte der Nordelbischen Evangelischen Kirche, Gothart Magaad. Durch zu viele Sonntagsöffnungen würde dieser besondere Charakter zunichte gemacht. Diese Qualitäten entsprechen jedoch allem Anschein nach nicht (mehr) den Wünschen und Bedürfnissen vieler Menschen, zumindest nicht denen der Touristen in vielen norddeutschen Badeorten. Sie wollen den Sonntag nutzen, um in Ruhe einkaufen zu gehen und so genau die Bedürfnisse zu befriedigen, die sie in einer hektischen 5- bis 6-Tage-Woche oftmals nicht unterbringen können. Gerade im Urlaub und am Wochenende möchten Menschen ihre Zeit flexibel und unabhängig gestalten, um einen Kontrast zum beruflichen Alltag setzen zu können. So erholen und entspannen sie sich. Die Feier der Auferstehung Christi in der sonntäglichen Messe hingegen ist mehr als bloße „Entschleunigung“.

Ein Verbot schützt die Erholung der Arbeitnehmer

Der Sinn der Sonntagsruhe stammt aus dem Sabbatgebot der jüdischen Religion. Die Christen, vor allem die Kirchen der Reformation, haben dieses Erbe lebendig erhalten. Der Sonntag soll sich von der Woche unterscheiden, den Menschen auf die tieferen Fragen des Lebens hinlenken und ihn auch zu Gott führen. Der Sonntagsgottesdienst dient der „Heiligung“ dieses Tages, der Mensch soll deshalb eine größere Nähe zu Gott suchen, damit er sich auf seinen Ursprung besinnt und sich vor allem als erlöstes Kind Gott neu sehen lernt; ein Blick, der in den Alltagsgeschäften leicht verloren geht. Deshalb erleichtert die Schließung der Läden am Sonntag dieses Zurückfinden zu den tieferen Dimensionen des Lebens und zugleich auch die körperliche Regeneration. Deshalb haben Priester, die wie Kellnerinnen und Köche am Sonntag ihren Hauptarbeitstag haben, am Montag ihren freien Tag.

Dass die Gewerkschaften sich für die Sonntagsruhe einsetzen, hat mit dem Schutz der Arbeitnehmer vor einer Arbeitszeitregelung zu tun, die keine Erholungszeiten und kaum gemeinsame Unternehmungen der Familien ermöglicht. Sie nehmen das Wort aus dem Schöpfungsbericht der Bibel ernst: „Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und also vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er machte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, darum dass er an demselben geruht hatte von allen seinen Werken.“

Sonntagsruhe ist keine Last

Die Sonntagsruhe ist daher keine Last, die dem Menschen auferlegt wird, sondern eine kluge Maßnahme: nämlich den Alltag zu unterbrechen, um dann am Montag wieder an die Arbeit zu gehen. Daraus eine Attacke gegen die Kirchen zu machen, zeigt die Abkoppelung der FDP von einer Lebenspraxis, die dem Menschen dienlich ist. Ob der Gesundheitsminister der FDP die Abschaffung des Sonntags unterstützt, würde man gerne hören.

Der Vorstoß der FDP für die weitere Aushöhlung der Sonntagsruhe ist, wie bereits bei der reduzierten Mehrwertsteuer für Hotels, allein der Klientel dieser Partei geschuldet, die sich, anders als die Volksparteien, nicht um den Rest der Bevölkerung kümmern müssen, von denen sie sowieso nicht gewählt werden.

Fragen an die Kirchen

Der Angriff auf den Tag, der den Kirchen wichtig ist, sollte aber nicht nur im Verbund mit Gewerkschaften und SPD abgewehrt werden, sondern verlangt auch eine Analyse der Ursachen. Wenn mit dem Sonntag so freihändig umgegangen werden kann, dann hat der Sonntag an Gewicht verloren. Das ist umso bedenklicher, als früher noch bis Samstagmittag gearbeitet wurde und Schulunterricht stattfand. Auch hatte die Fußballwoche nicht am Samstag, sondern am Sonntag ihren Höhepunkt.  Die Pflicht, den Gottesdienst zu besuchen, reicht nicht, um die Kultur des Sonntags zu retten.

Gott ist in der Stille

Die Kirchen sollten neue Angebote entwickeln, und ihre, vom Kommerz ausgegrenzten Räume, anders zugänglich machen. An Fixpunkten der globalisierten, kapitalistischen Welt, so an den Flughäfen, gibt es bereits ökumenische oder gar „religionsneutrale” Kapellen und Gebetsräume. Wenn Gott in der Stille zu finden ist, kann man ihn verkünden, ohne den Lärm zu verbieten.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion

 

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Drei oder vier Märtyrer (01.07.2011)

 

Die Rede ist von der Seligsprechung der drei Lübecker Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller, einerseits. Aber viel näher an der Wirklichkeit ist die Version: Die vier Lübecker Märtyrer. So haben sich die die drei Kapläne und Pastor Stellbrink bereits in die Erinnerung eingeschrieben.

 

Die drei katholischen Kapläne waren befreundet mit dem evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Am 10. November 1943 waren sie in Hamburg durch das Fallbeil hingerichtet worden, weil sie dem NS-Regime gegenüber nicht stillhielten. Sie verbreiteten Predigten des regimekritischen Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, und kritisierten die Menschenverachtung der Nationalsozialisten. Während die katholische Kirche durch eine Seligsprechung Menschen auf den Schild hebt, an deren Lebensgeschichte die Berufung, die sie durch die Taufe empfangen haben, besonders deutlich wird, kennt die evangelische Kirche Selig- und Heiligsprechungen nicht.

 

Die Vier gehören zusammen

Durch ihr Lebenszeugnis für die gleiche Sache sind die vier unzertrennlich. Geradezu drastisch brachte es Kardinal Kasper in seiner Predigt zum Ausdruck: „Am Ende floss ihr Blut ineinander. Sie sind gemeinsam gestorben, haben für ihre christliche Überzeugung wortwörtlich den Kopf hingehalten.“ Dass die christliche Überzeugung befähigt, sich über die Angst, die ein diktatorisches Regime verursachen kann, hinwegzusetzen und ohne Kompromisse für unverbrüchliches Recht einzustehen, das jedem Menschen durch seine Gottesgeschöpflichkeit zukommt, wird an diesem Martyrium, an diesem Lebenszeugnis deutlich. Das Gedenken an solche Menschen ist fordernd und fördernd zugleich. Dies hat Bischof Werner Thissen von Hamburg wohl erkannt, als er bald nach seinem Amtsantritt 2003 als Erzbischof von Hamburg das Seligsprechungsverfahren einleitete. In dem Lebenszeugnis der vier steckt durchaus Brisanz.

 

Lebenszeugnis

Den Kopf für eine Sache hinhalten und das Leben selbst zu riskieren – wer ist dazu bereit? In einer Gesellschaft, in der die Sorge um das Überleben weit zurücktritt hinter die Sorge um das intensive Erleben. Den schicksalshaften Tod muss man ja, weil er unausweichlich ist, hinnehmen. Aber für eine gerechte Sache – und dies ist ein wesentlicher Unterschied zu den Selbstmordattentätern, die möglichst viele mit in den Tod reißen wollen –  einen vorgezogenen Tod riskieren? Was bringt´s?

 

Bekehrung

Brisanz steckt in der Lebensgeschichte von Pastor Stellbrink. Anfangs  NSDAP-Mitglied, war er von der Rassenlehre begeistert, vom völkischen Denken. Die völkische Reinheit sollte nicht durch internationale Verwässerung geschwächt werden. Welche Konsequenzen solches Rassendenken auf der anderen Seite hervorbringt, musste er am Umgang der Nationalsozialisten mit seiner psychisch kranken Schwester erleben. Sie wurde zwangssterilisiert. Pastor Stellbrink vollzog eine Umkehr. Er wurde vom Anhänger zum Gegner der Nazis. Erst 1993 wurde er von der evangelischen Kirche rehabilitiert.

 

Lebenszeugnis für Gerechtigkeit

Die vier Männer gehören eindeutig zusammen: Durch ihre Freundschaft, durch ihr gemeinsames Handeln, durch ihr Lebenszeugnis. Aber sie gehören unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften an. Als sich die katholische Kirche entschied, die katholischen Kapläne selig zu sprechen, war klar, dass Pastor Stellbring nicht ausgeschlossen werden kann. Denn vor dem gemeinsamen Lebenszeugnis verblassen Zänkereien an den Konfessionsgrenzen zu Sandkastenspielen.

 

Das Lebenszeugnis fordert die christlichen Kirchen heraus darüber nachzudenken, ob nicht angesichts eines sich breit machenden menschenverachtenden Pragmatismus die Notwendigkeit eines gemeinsamen Eintretens für Gerechtigkeit und Lebensrecht, nach dem Beispiel der vier Märtyrer von Lübeck, der Ökumene einen starken Schub geben könnte.

 

Das Ereignis forderte die evangelische Kirche heraus, über den Sinn von Seligsprechungen neu nachzudenken. Und es fordert die katholische Kirche heraus, wie sie mit Protestanten umgehen soll, die allem Anschein nach selig sind, aber nicht zu solchen ernannt werden sollen und können.

Papst Benedikt, der zu der Seligsprechung den für Heilig- und Seligsprechungen zuständigen Kardinal Angelo Amato geschickt hatte, würdigte das Ereignis am darauf folgenden Sonntag beim Angelusgebet auf dem Petersplatz vor vielen Tausend Menschen. Bemerkenswert ist der ökumenische Akzent, den er dieser Seligsprechung beimißt: „Mit ihrem gemeinsam getragenen Leiden im Gefängnis bis zu ihrer Hinrichtung im Jahre 1943 haben sie ein großartiges, geradezu ökumenisches Zeugnis der Menschlichkeit und der Hoffnung gegeben.“

 

Da sind sie alle vereint, die vier, als Märtyrer für Menschlichkeit und Hoffnung.

 

Es bleibt die bange Frage, ob die Christen angesichts ihrer gemeinsamen Verantwortung für Menschlichkeit und Hoffnung, bei all ihrer Sorge um ihre konfessionelle Identität, die Akzente richtig setzen. Die Lübecker Märtyrer wären ein Vorbild.

 

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

 

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