Mehr Ehe- und Familienpastoral notwendig (28.01.2011)

Die Forderung nach kirchenrechtlicher Strenge verdeckt das eigentliche Problem

Papst Benedikt XVI. hat am vergangenen Samstag zu einem kirchenrechtlich strengeren Umgang mit Ehenichtigkeitsverfahren aufgerufen. Nun war dieser Aufruf nicht an die gesamte kirchliche Öffentlichkeit gerichtet, sondern an die Mitarbeiter des höchsten kirchlichen Gerichtes, der römischen Rota. Dennoch sollen seine Worte an dieser Stelle Anlass zum Nachdenken geben.

 

Das gesellschaftliche Grundproblem

 

Die Zunahme der Eheprozesse an kirchlichen Gerichten ist eine Folge der gesellschaftlichen Entwicklungen. Laut statistischem Bundesamt wird nahezu jede zweite Ehe geschieden. Diese Entwicklung ist nicht neu, sie begann bereits vor über 40 Jahren. Damals löste sich mit dem Freiheitsideal der 68er-Bewegung die Vorstellung von der „Ehe als lebenslanger Institution“ mehr und mehr auf. Freiheit wurde mit dem Freisein von Bindungen gleichgesetzt und so entstand der Nährboden für Beziehungen, die Treue und Zusammenhalt nur noch für einen gewissen Zeitraum zum Fundament hatten. Die aus diesen Beziehungen entstandenen Kinder sind heute Eltern und leben so noch mehr in dem Denken, dass es die absolute Treue zu einem Partner ein ganzes Leben lang nicht geben wird. Hinzu kommen veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die vermehrt dazu führen, dass Ehepartner sich weniger sehen und auch weniger Zeit in Zweisamkeit zur Pflege ihrer Ehe verbringen können. Ein Faktor ist dabei auch die Auflösung der Großfamilie, die in früherer Zeit wertvolle Erziehungshilfen vermittelte, wenn beispielsweise die Kindererziehung die Ehepartner vor die Zerreißprobe stellte. Heute unterliegen viele Paare diesen verschiedenen Belastungsproben und trennen sich.

 

Kirche – ein Dienstleister am Anfang und am Ende einer Ehe?

 

Viele Liebespaare träumen trotz hoher Scheidungsraten von einer Hochzeit in einer Kirche. Unabhängig von der katholischen Ehelehre gehört das Heiraten in einem Gotteshaus bis heute zum typischen Bild. So wie die Adligen in Schweden oder England in einer Kirche an den Traualtar treten, wollen auch viele normale Menschen ihr Glück besiegeln. Eine Jugendliche gestand mir, dass diese Vorstellung vom Heiraten für sie die größte Motivation war, sich firmen zu lassen – „sonst könne man ja nicht in Weiß in einer Kirche heiraten“, meinte sie.

Die Vorbereitungen auf das einmalige Fest starten meist über ein halbes Jahr vorher: Da kann es dann schon passieren, dass der Priester, der die Trauung halten soll, erst sechs Wochen vorher von dem Termin erfährt, wie es mir ein Kaplan aus eigenem Erleben berichtete. Es entsteht der Eindruck: Der Priester wird zum Dienstleister. Er fungiert als kirchensteuermittelbezahlter Kultdiener, der  genauso zum erträumten Rahmen dazugehört, wie die alte barocke Ortskirche, die vielleicht kaum noch für Messfeiern genutzt wird, aber bei jungen Paaren beliebt ist.

Dieser Art von „automatisierter“ Seelsorge hat Papst Benedikt in seiner Ansprache eindeutig eine Absage erteilt: Die kirchliche Trauung „ist kein subjektiver Anspruch, dem die Priester durch eine einfache formelle Anerkennung nachkommen müssen, unabhängig von dem tatsächlichen Inhalt der Vereinigung”. Der Priester dürfe alle pastoralen und kirchenrechtlichen Mittel ausschöpfen, um den wirklichen Ehewillen des Paares zu prüfen. Für eine gute Eheschließung sei eine gute Verbindung von Kirchenrecht und Seelsorge notwendig.

 

Im gleichen Atemzug warnte der Papst aber auch vor zu schnell aufgelösten Ehen. Bei der Suche nach Informationen über Eheannullierungen geben kirchliche Gerichte in Deutschland sehr ausführlich Auskunft zum Verfahrenshergang bis hin zu Fallbeispielen für die Ehenichtigkeit. Da die Eheprozesse einen Hauptteil der kirchenrechtlichen Arbeit in einem Bistum ausmachen, ist die detaillierte Informationsfülle einerseits zu verstehen. Andererseits hat der kritische Betrachter den Eindruck, es werde eine weitere Form der „kirchlichen Dienstleistung“ beim Scheitern der Ehe angeboten. Dieser Eindruck wird insbesondere dadurch verstärkt, dass in manchen Bistümern die Informationen über Ehevorbereitungskurse weitaus geringer ausfallen und Termine teilweise veraltet sind. Papst Benedikt XVI. stellt in seiner Ansprache fest: „Sowohl eine zu einfach geschlossene Trauung als auch eine zu schnell aufgelöste Ehe sind ein Zeichen der Nachlässigkeit der Kirche.“

 

Kirche muss vermehrt in Ehe- und Familienpastoral investieren

 

Die eigentliche Nachlässigkeit der Kirche liegt nicht bei Trauung oder gar im kirchenrechtlichen Prozess gescheiterter Ehen. Das Defizit besteht vielmehr in einer nur sporadisch ausgeprägten Ehe- und Familienpastoral. Es gibt zwar ausgezeichnete Ehevorbereitungskurse, nur wird das geistliche Fundament, aus dem eine Ehe auch aus dem Glauben fruchtbar leben kann, nicht in wenigen Stunden an einem Wochenende gelegt und mit einem Schein quittiert. Es muss der Kirche, will sie die Bedeutung und Heiligkeit des Ehesakramentes auch in seiner kirchenrechtlichen Dimension schützen, vermehrt um eine längere und intensivere Zeit der Vorbereitung auf die Ehe gehen. Diese Forderung wird gerade dann noch dringender, wenn man – wie in den vergangenen Tagen im Zuge der Zölibatsdiskussion häufig angeführt – Priestertum und Ehe als zwei gleichberechtigte Wege hin zu Gott definiert.

 

Es ist von unbestritten großer Bedeutung, viel Zeit, Kraft und Geld in die Ausbildung neuer Priester zu investieren. Nur braucht es eine ebenso gute und sorgfältige Ausbildung von guten Eheleuten, die gerade auch aus dem Glauben heraus im Vertrauen auf Gottes Hilfe am Traualtar „Ja“ zueinander sagen. Diese Ausbildung, Begleitung und Seelsorge darf dann auch nicht mit der Hochzeit enden und frühestens mit der Taufe des ersten Kindes erneut in Erscheinung treten. Um dem gesellschaftlichen „Gegenwind“ standhalten zu können, brauchen Ehepaare weitere pastorale Angebote, die ihnen helfen, die Nöte des Alltags zu meistern. Familienkreise, geistliche Gemeinschaften oder regelmäßige Familiennachmittage in Pfarrgemeinden sind solch hoffnungsvolle Angebote. Die Stola des Priesters um die Hände der Neuvermählten muss auch für die Kirche heißen: Sie ist bei euch in guten und schlechten Tage in Ehe und Familie. Nur so kann die Zahl der Ehenichtigkeitsverfahren für die Kirche dauerhaft gesenkt und fruchtbringend umgewandelt werden.

 

Sebastian Pilz

kath.de-Redaktion

Stagniert die Ökumene? (21.01.2011)

Zur Gebetswoche für die Einheit der Christen

Deutschland

In Deutschland geht in der Ökumene nichts weiter. Es ist nicht nur ein Eindruck. Die EKD propagiert eine Ökumene der Profile. Es ist jedoch zu beachten, dass die beiden konfessionellen Traditionen des Protestantismus aufeinander zugehen, einmal die lutherisch geprägten Landeskirchen, die in der VELKD, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, zusammengeschlossen sind und die Kirchen der reformierten Tradition, die in der „Union der evangelischen Kirchen“ zusammengeschlossen sind. Wenn aus der lutherischen und calvinischen Tradition eine Evangelische Kirche Deutschlands werden soll, sind Annährungen in der Frage des Amtes und der Eucharistie hinfällig, denn in der reformierten Tradition gibt es kein Bischofsamt und auch keine Verständnis der Eucharistie, wie es Luther noch gegen Zwingli betonte.

Unter den EKD-Vorsitzenden Huber und Käßmann wurde auf Abgrenzung zur katholischen Kirche gedacht.

In der Planung des ökumenischenKirchentages wurde ein internes Papier der EKD, das vom damaligen Ratsvorsitzenden Bischof Huber in Auftrag gegeben wurde, nicht zurückgenommen. Im Kommentar vom 16.10.2009 hieß es:

„Offensichtlich sieht die EKD den gemeinsamen Kirchentag als Wettkampf um die höhere Zustimmung.” Welche der Kirchen wird aus dem Kirchentag als Sieger hervorgehen. Aus der Sicht der EKD wird es nicht die katholische Kirche sein, denn in dem Papier ist als Resümee zu lesen: „Wie ein angeschlagener Boxer wird die katholische Kirche schwanken zwischen öffnenden Gesten und ruppiger Abgrenzung.“

 

Geschwankt hat die Katholische Kirche. Im Oktober 2009 war nicht vorauszusehen, dass die Missbrauchsfälle aus den neunziger Jahren die katholische Kirche in Deutschland so zum Schwanken bringen würde.

 

Aber wie profiliert sich die Evangelische Kirche gegenüber der Katholischen?

Die Alternativen sind begrenzt, denn die katholische Kirche pflegt in Deutschland die liturgische Tradition und sie profitiert von dem wachsenden Interesse an einer neuen Synthese von Sinnlichkeit und Sinn.

Der neue Ratsvorsitzende, der Präses der Rheinischen Kirche, Nikolaus Schneider, folgt seinen Vorgängerin und auch Bischof Huber. Die EKD besetzt politische Themen und zeigt sich jeweils liberaler als die katholische Seite, so in der Frage der Präimplantationsdiagnostik. Was viele Amtsträger der katholischen Kirche nur zähneknirschend verfolgen, das spricht Kardinal Meisner offen aus – der sozialethische Konsens zwischen den Konfessionen ist brüchig geworden.

 

Die Anglikaner

Für die Evangelischen Landeskirchen in Deutschland muss es ein bedenkliches Zeichen sein, dass der Papst anglikanischen Bischöfen, Geistlichen und den mit ihnen verbundenen Gläubigen Heimatrecht in der katholischen Kirche gibt und ihre Traditionen achtet, indem er sie nicht einfach in die katholischen Diözesen integriert. Ein solcher Schritt ist in Deutschland nicht zu erwarten, aber es gibt eine nicht kleine Gruppe in den Landeskirchen, die eine größere Nähe zur katholischen Kirche anstreben – gerade in Abgrenzung von dem politisierenden Kurs der Ratsvorsitzenden. So nimmt der Bayerische Landesbischof an einer Vesper mit Papst Benedikt in St. Paul vor den Mauern in Rom teil, die die Gebetswoche um die Einheit der Christen abschließt.

 

Der Papst

Allgemein gilt das Papsttum als Haupthindernis der Ökumene. Stimmt das aber? Aus deutscher, und aus der Sicht mancher Vertreter der katholischen Seite trifft das zu. So lehnt der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Schneider nicht nur eine Rede des Papstes im Bundestag ab, er zeigt auch sein Desinteresse an einer intensiveren Begegnung mit dem Papst.

Kann man aber die deutsche Sicht auf die Welt übertragen?

In der Orthodoxie genießt der jetzige Papst als Theologe hohes Ansehen. Die Orthodoxen fühlen sich von ihm verstanden. Ein Besuch in Russland erscheint nicht mehr unmöglich, die Beziehungen zum Patriarchen von Konstantinopel-Istanbul sind seit Paul VI. sehr gut.

Der Papst ist, angesichts der Folgen der amerikanischen Nahostpolitik (man könnte hier bissig anmerken: die nicht auf den Einspruch Johannes Paul II. gehört hat), der Sprecher der Christen, der für alle, letzthin für die koptischen Christen, sein Wort in die Waagschale werfen kann.

Durch seine wöchentlichen Ansprachen und den direkten Draht zu den Medien ist der Papst der geworden, der für alle Christen spricht, wenn es um die Beziehungen zu anderen Religionen geht.

Nachdem der Islam sich vielfach mit staatspolitischen Tendenzen verbindet und in seiner fundamentalistischen Ausprägung auch das Recht beansprucht, Andersgläubige zu diskriminieren und gar zu töten – dies nimmt die Al-Azhar-Universität gleichgültiger hin als das Eintreten des Papstes für das Lebensrecht der Kopten – läuft die Strategie der EKD in Sachen Religionspolitik am eigentlichen Problem vorbei, wenn der Ratspräsident von den politischen Entscheidungsträgern den Abzug aus Afghanistan fordert. Der Islam muss wieder auf den Weg zurückgerufen werden, dass er eine Religion und keine politische Bewegung ist.

 

Bekehrung des Apostels Paulus

Die Gebetswoche für die Einheit der Christen endet mit dem Gedächtnistag der Bekehrung des Apostels Paulus am 25. Januar. Daher findet auch die ökumenische Vesper in Sankt Paul vor den Mauers statt. Interessant ist, dass am Beginn der Woche, am 18.Januar, vor dem Konzil in der katholischen Kirche das Gedächtnis des Thronfestes des Hl. Petrus begangen wurde. Dieser Tag ist nach der Liturgiereform1969 auf den 22. Februar verlegt worden. Das verwundert umso mehr, als die Gebetswoche evangelische Wurzeln hat. Der Papst hat eine hohe Verantwortung für die Ökumene, während der Apostel Paulus das Vorbild für den Weg der Ökumene ist.

Er hat die Christen mit Gewalt verfolgt, ist Jesus auf dem Weg nach Damaskus innerlich begegnet und hat nach seiner Bekehrung erst einmal gebetet und die alttestamentlichen Schriften unter dem Aspekt des christlichen Auferstehungsglaubens studiert. Herausgekommen ist eine Theologie, auf die sich protestantische und katholische Theologen verständigen konnten. In der Beendigung des Rechtfertigungsstreits 1999 in der Annakirche in Augsburg wurde das unterschrieben.

Bekehrung heißt, sich selbst als Lernenden zu begreifen, den anderen kennenlernen, sich in seine theologischen und spirituellenTraditionen hindenken und sogar hineinfühlen. Wenn es da Fortschritte gibt, fallen auch die Mauern, die die Konfessionen bis heute trennen.

 

Eckhard Bieger

kath.de Redaktion

Religionsfreiheit – alles andere als ein eindeutiges Menschenrecht (14.01.2011)

Zwei Attentate in den ersten Tagen des neuen Jahres rufen die Religionsfreiheit auf die Tagesordnung. Das Massaker an den koptischen Christen in Ägypten am Neujahrstag und die Ermordung des islamischen Politikers und Gouverneurs von Punjab, Salman Taseer am 4. Januar in Islamabad, der als Gegner der Taliban galt. Beide Attentate waren religiös motiviert und geschahen als Gewaltakte gegen die Ausübung von religiösem Kult oder gegen den Einsatz für Religionsfreiheit.

Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat Papst Benedikt XVI. in seiner Rede beim Neujahrsempfang für die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten die Religionsfreiheit zur Sprache gebracht und eingefordert. Im Blick auf die Christen im mittleren Orient sagte er: „Man muss es noch einmal sagen: Im mittleren Orient sind die Christen ursprüngliche und authentische Bürger, sie stehen zu ihrem Vaterland und sind allen ihren nationalen Verpflichtungen treu. Es ist naturgegeben, dass sie sich der Rechte der Staatsbürgerschaft, der Gewissens- und Kultfreiheit, der Freiheit der Bildung und der Erziehung und des Gebrauchs der Kommunikationsmittel erfreuen können.“

Schon am Neujahrstag war der  Papst mit einer weiteren Aktion für eine Überraschung gut. Er verkündete: Im kommenden Oktober (werde ich) in die Stadt des heiligen Franziskus pilgern, um an die historische Geste meines Vorgängers zu erinnern und feierlich den Einsatz der Gläubigen aller Religionen zu bekräftigen, den eigenen Glauben als Dienst am Frieden zu leben.

Dabei galt Josef Ratzinger nicht als Freund des ersten Treffens der Weltreligionen 1986 in Assisi, bei dem er selbst nicht anwesend gewesen sein soll. Zu dem Treffen 2002 soll er nur auf eindringlichen Wunsch von Papst Johannes Paul II. gekommen sein. Setzt der Papst  nun hier ein Zeichen des von ihm so oft angeprangerten Relativismus, indem er den Anspruch der katholischen Kirche relativiert, wenn er sich mit Vertretern anderer Religionen trifft?

Die vorhandenen und die ausgebliebenen Reaktionen auf die Attentate und die Ankündigung des Papstes zeigen, wie sehr das Thema „Religionsfreiheit“ in Kirche wie in Politik und Gesellschaft im Argen liegt. Aufhorchen lassen muss, dass sich Politiker wie beispielsweise Claudia Roth oder Christian Ströbele, die sich gerne als besonders sensibel in Sachen Menschenrechte präsentieren, nicht aus der Reserve locken lassen. Religionsfreiheit wird als Thema „pro domo“ behandelt. Wenn der Papst für Religionsfreiheit eintritt, so scheint das etwas anderes zu sein, als das Grundrecht auf Religionsfreiheit, wie es im Art. 4 des Grundgesetzes festgeschrieben ist. Im Blick auf die Fakten scheint sich ein Verständnis von Religionsfreiheit einzunisten, das da lautet: Der öffentliche Bereich ist von Religion frei zu halten. Das Grundgesetz jedoch garantiert die ungestörte Ausübung der Religion, solange dadurch nicht der öffentliche Friede und die öffentliche Ordnung gestört werden.

Nachdenklich stimmt auch ein öffentlicher Brief katholischer Intellektueller in Italien an Papst Benedikt, der auch in Deutschland genügend Sympathisanten findet. Dort wird der Papst aufgerufen, „den Geist von Assisi“ zu meiden, der für die Kirche nichts gebracht habe, als die Präsentation der katholischen Kirche als eine nette und schwache, die es vermeidet, anderen Religionen klare Kante zu zeigen. Das Treffen des Papstes mit den Vertretern anderer Religionen wird als Verrat am ersten der zehn Gebote verstanden „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ Der Papst wird daran erinnert, daß die Päpste Leo XII. und Pius XI. katholische Beteiligungen an interreligiösen Gesprächen verboten hatten. Die Unterzeichner dieses Schreibens vermeiden es auch nicht, den Papst an seine eigene kritische Haltung zu den vorangehenden Treffen zu erinnern.

Freilich sucht man in diesem Schreiben vergeblich Vorschläge für konkrete Beiträge der  Kirche zum Frieden der Religionen und Kulturen. Es fehlt die Sorge, dass auch in unseren Gesellschaften Wirklichkeit werde, was das Dokument „Dignitatis Humanae“ des II. Vatikanischen Konzils sagt: „So bleibt das Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre Ausübung darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt.“

Die Unterzeichner des Schreibens aber scheinen weder das Anliegen des Papstes noch das erste Gebot des Dekalogs begriffen zu haben. Es genügt nicht, Religionsfreiheit als diffuse und willkürlich interpretierbare Forderung zur erheben. Das Zusammenleben der Religionen in einer globalisierten Welt zeigt, dass das Recht des Menschen, sich auf die Suche nach Gott zu begeben, neu geschützt werden muss. Der Papst formuliert das so in seiner Botschaft an die Diplomaten: „Jede Person ist auf der Suche nach ihrem Schöpfer, weil nur Gott auf den Durst antwortet, der im Herzen jedes Menschen ist.“ Das aber muss ein gemeinsames Anliegen aller gottgläubigen Menschen sein.

Was anderes aber kann das erste der zehn Gebote bedeuten, als dass nichts für den Menschen so wichtig und so schützenswert ist, wie der Weg und die Beziehung zu seinem Schöpfergott? Dies zu unterstreichen ist kein Relativismus, sondern das absolute Ergreifen der ersten Voraussetzung, dass Menschen überhaupt ihre Würde leben können. Diesem Wert darf im Zweifels- und Gewissenfall auch die Klarheit der katholischen Lehre nicht im Wege stehen. Papst Benedikt hat den Akzent absolut gesetzt, alles andere wäre relativistisch im Sinn des ersten Gebotes.

Theo Hipp

kath.de – Redaktion